Frank Rahn findet neue Lebensfreude in der Werkstatt
Für viele Menschen ist der Weg zur Arbeit alltägliche Routine – für Frank Rahn ist die morgendliche Bahnfahrt ein kleines Ritual, das seinen Neustart markiert. Nach Jahrzehnten psychischer Belastungen und negativer beruflicher Erfahrungen hat der 63-jährige in den Werthmann-Werkstätten des Caritasverbandes in Südwestfalen endlich einen Ort gefunden, an dem er sich angenommen fühlt. „Hier erlebe ich Zusammenhalt, Lob und Anerkennung – ich bin aus meiner Negativ-Spirale herausgekommen.“
Doch der Weg dorthin war lang. Seit seiner Jugend kämpfte Frank Rahn mit Depressionen und psychischen Problemen. Zudem prägten fehlende Wertschätzung und schwierige Arbeitsbedingungen sein bisheriges Berufsleben. „Zu wenig positives Feedback, ein rauer Umgangston und ein oftmals schlechtes Betriebsklima – wirklich zugehörig habe ich mich in über 30 Arbeitsjahren in unterschiedlichen Berufsfeldern nie gefühlt“, erinnert sich der Mann aus Hilchenbach-Müsen. 2010 erreichte seine Erkrankung ihren Höhepunkt. Krankenhausaufenthalte, medizinische Rehabilitationsmaßnahmen und schließlich die Erkenntnis, nicht mehr auf den ersten Arbeitsmarkt zurückkehren zu können, bestimmten sein Leben, an dem er nicht mehr wirklich hing. „Ich war kaputtgeschrieben“, sagt der gelernte Pelz-Zurichter offen. „Und so fühlte ich mich auch.“
Der Wendepunkt kam vor gut zwei Jahren bei einem Tag der offenen Tür in den Werthmann-Werkstätten des Caritasverbandes. Damals noch bei einem anderen Träger im Werkstattbetrieb tätig, spürte er beim Kennenlernen vor Ort sofort: „Hier gehöre ich hin.“
Arbeit, die stärkt – Gemeinschaft, die trägt
Heute arbeitet Frank Rahn als ‚Allrounder mit Know-how‘ in der Nebenstelle Welschen Ennest der Abteilung Olpe und übernimmt dort verschiedene Montagetätigkeiten an Verschleißteilsets, Dichtungen und Kugellagern. Besonders gerne arbeitet er an der Skin-Maschine, bei der Produkte auf einer Karton- oder Kunststoffträgerplatte mit spezieller Folientechnik vakuumdicht verpackt werden. Entscheidend ist für ihn nicht allein die sinnstiftende Tätigkeit, sondern auch die verlässliche Zusammenarbeit und das Miteinander im Werkstattbetrieb. „Hier traue ich mir wieder etwas zu – und mir wird auch etwas zugetraut“, berichtet er stolz.
Genau darin liegt für Gruppenleiter Oliver Klein der zentrale Gedanke der Werkstätten: „Bei uns wird Arbeit möglich gemacht. Nicht der Mensch muss sich an starre Arbeitsbedingungen anpassen, sondern die Arbeit orientiert sich an den Fähigkeiten und Möglichkeiten der jeweiligen Person.“ Die Beschäftigten geben dabei das Tempo vor. „Bei uns wird mit den Menschen gearbeitet, nicht gegen sie.“
Trotzdem sei der Anspruch an ihn und seine Arbeit natürlich da, berichtet Frank Rahn. „Und das ist auch gut so“, betont er. „Ich muss sorgfältig arbeiten, mich auch mal in neue Abläufe reinfuchsen und Verantwortung übernehmen. Dabei erhalte ich, wenn nötig, immer Unterstützung und vor allem eins: Anerkennung. Genau diese Mischung macht es für mich hier in der Werkstatt aus.“ Auch über den Arbeitsalltag hinaus erfährt er Hilfe und Zuspruch durch das Team der Werkstatt. „Ich bekomme hier nicht nur berufliche, sondern auch ganz viel zwischenmenschliche Unterstützung“, erzählt er dankbar. Gruppenangebote, gemeinsame Aktivitäten in der Freizeit und das gute Betriebsklima geben ihm Stabilität und schenken ihm neue Lebensqualität.
Privat, so erzählt er, habe er wieder Freude an der Bewegung in der Natur gefunden. „Spaziergänge und Wanderungen sind meine Kraftquelle“, so Frank Rahn, der seine Zeit am liebsten mit seiner Partnerin verbringt, die ebenfalls in der Werkstatt, im Bereich der Hauswirtschaft, tätig ist.
Sichtbarkeit schaffen, Chancen eröffnen
Gleichzeitig wünscht sich Frank Rahn mehr Sichtbarkeit und einen leichteren Zugang zu Werkstätten für Menschen mit Behinderungen: „Viele wissen gar nicht, welche Möglichkeiten es hier gibt. Mit frühzeitiger Unterstützung und Vertrauen könnten viel mehr Menschen neue Perspektiven finden.“ Bestes Beispiel sei er selbst. „Mein Gedankenkarussell ist endlich zum Stillstand gekommen. Ich bin hier glücklich und angekommen“, bekräftigt Frank Rahn. Sein Vorhaben, die wenigen Jahre bis zum Renteneintritt in der Werkstatt zu bleiben, befürwortet auch Oliver Klein, der ihm stets beratend und wohlwollend zur Seite steht.
Auch das sei ein entscheidender Aspekt der Begleitung in den Werkstätten: „Nicht jeder Beschäftigte kann und möchte auf den ersten Arbeitsmarkt zurückkehren. Aber das darf niemals bedeuten, Menschen ihre Fähigkeiten oder ihren Wert abzusprechen“, betont der Gruppenleiter. Frank Rahns Geschichte zeigt, welchen Wert Werkstätten für Menschen mit Behinderungen haben können: Sie schaffen Perspektiven, stärken Selbstvertrauen, fördern Fähigkeiten und ermöglichen echte Teilhabe. Oder, wie Frank Rahn es selbst formuliert: „Hier darf ich Mensch sein.“
