Experten schätzen, dass rund 1,8 Millionen Menschen in Deutschland an Demenz erkrankt sind, Tendenz steigend. Eine von ihnen ist Liesel Stracke. Doch dank geriatrischer Frührehabilitation hat das Leben der Attendorner Seniorin noch einmal eine deutliche Wendung zum Guten erfahren.
Immer weiter, immer weiter. Die ältere Dame hat es eilig. Wenn Liesel Stracke mit ihren Söhnen Kai und Uwe den Attendorner Wall entlangspaziert, bleibt nicht viel Zeit für Pausen und kleine Plaudereien mit Bekannten. Fest umklammern ihre Hände die Griffe des Rollators, den sie konzentriert vor sich herschiebt. Rennen statt Schlendern. Immer weiter. Viele Gesichter, die ihr entgegenkommen, kann sie nicht mehr zuordnen. Die Leute kennen sie – umgekehrt erkennt sie kaum noch jemanden. Immer weiter. Der Bewegungsablauf wirkt mechanisch und steif, aber er läuft zuverlässig ab. Dabei spricht sie leise vor sich hin und schaut entrückt ins Leere. Sie funktioniert. Wieder.
Die 84-Jährige hatte ihr Leben lang als Büglerin für eine Wäscherei und ehrenamtlich für das Rote Kreuz gearbeitet. Gemeinsam mit ihrem Mann zieht sie zwei Söhne groß. Auch als sie aus dem Haus sind, führt sie weiterhin ein zufriedenes und ruhiges Leben. Bis sie im hohen Alter an Demenz erkrankt. Glück im Unglück: Als mitten in Attendorn in einer Demenz-Einrichtung ein Platz frei wird, zieht sie dort ein. Zur Last fallen wollte sie später niemandem. Das war zeitlebens ihr Credo.
So wie Frau Stracke denken viele Angehörige ihrer Generation. Niemandem zur Last fallen. Dafür muss jedoch die Gesundheit mitspielen, ein Faktor, der bei steigendem Alter entscheidend wird und der maßgeblich von der geriatrisch-medizinischen Versorgung abhängt. Dabei zeigen sich im deutschlandweiten Vergleich zum Teil erhebliche Unterschiede in der geriatrischen Versorgungssituation, vor allem im ländlichen Raum. Auch im südlichen Sauerland gibt es nur ein sehr überschaubares Angebot in der Fläche, das, wie es die Krankenhausplanung NRW vorsieht, zu großen Teilen von der Attendorner Helios Klinik getragen wird.
Einmal um den Wall
Einmal den gesamten Wall umrunden – das ist das große Ziel, das sie sich Sonntag für Sonntag vornimmt. Passen ihre beiden Söhne einmal nicht genau auf, kann es passieren, dass Frau Stracke schon um die nächste Ecke verschwunden ist, ohne sich auch nur einmal umzudrehen. Dann müssen sie kurz das Tempo anziehen, um sie wieder einzuholen.
Sie wirkt energisch und zugleich rastlos. Läuft sie durch ihre Stadt, die sie tief in ihrem Unterbewusstsein abgespeichert hat, ist alles andere zweitrangig – außer, ihre Runde zu schaffen. Sie lebt ganz in ihrer eigenen Welt. In dieser kommt sie noch zurecht. Eine Welt, die man verstehen muss, wenn man Liesel Stracke begreifen will. Dass sie überhaupt noch so aktiv sein kann, verwundert manche, die ihren Zustand zuvor erlebt haben.
„Die Einrichtung informierte uns, dass es ihr plötzlich nicht gut geht und sie nicht mehr aufstehen kann“, berichtet Kai Stracke. „Vor Ort fand ich meine Mutter schwer krank vor. Sie war kaum noch ansprechbar, und wir machten uns schon auf das Schlimmste gefasst.“
Kai Stracke und sein Bruder brachten ihre Mutter umgehend in die nahe Helios Klinik. Bis dahin war es der alten Dame noch recht gut ergangen. Zwar verstärkten sich die Demenz-Anzeichen zunehmend, doch gesundheitlich ging es ihr für ihr Alter noch vergleichsweise gut.
„Frau Strackes Situation war tatsächlich lebensbedrohlich, als wir sie stationär in unserer Geriatrie aufgenommen hatten.
Neben einer gefährlichen Blutvergiftung mussten wir ein starkes Vorhofflimmern feststellen“, blickt Dr. Lakshman Manoranjan zurück. Der 39-Jährige ist leitender Oberarzt der geriatrischen Abteilung und führt die geriatrische Tagesklinik an der Helios Klinik. Zunächst geht es darum, durch den Einsatz von Antibiotika ihren Zustand zu stabilisieren – mit Erfolg. Nach einigen Tagen schlagen die Medikamente an. Die Krankheitssymptome gehen zurück.
Aber deshalb gleich direkt zurück in die Einrichtung? Frau Stracke bleibt zunächst in der Helios Klinik. Die Familie beschließt, dass ihre Mutter eine Frührehabilitation durchlaufen soll.
„Bei der Frührehabilitation handelt es sich um einen zentralen Bestandteil der geriatrischen Therapie. Sie setzt in der Regel nach einem Sturz, einer Operation oder einer schweren Erkrankung ein“, sagt Dr. Manoranjan. Sie sei deshalb so wichtig, weil gerade im Alter die Körperfunktionen durch langes Liegen sehr schnell abbauten und man dieser negativen Entwicklung entgegenwirken müsse. „Schon nach wenigen Tagen schwinden die Muskeln.
Gleichzeitig steigt das Risiko für schwere Komplikationen – und damit die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mensch, der zuvor noch halbwegs selbstständig gelebt hat, komplett pflegebedürftig wird.“ Im Fokus stünden dabei typisch geriatrische Syndrome wie Gangstörung, Sturzneigung, dementielle Syndrome, Inkontinenz, Kreislaufregulationsstörungen, Depression, chronische Schmerzen, Mangelernährung und allgemeine körperliche Abbauprozesse.
Für eine erfolgreiche Frührehabilitation müssen jedoch sowohl körperliche als auch kognitive Voraussetzungen vorhanden sein, um das mehrwöchige Programm absolvieren zu können. Ziel ist es, die Alltagsfähigkeit zurückzugewinnen, damit ein möglichst selbstständiges Leben – zumindest in Grundzügen – im eigenen zuhause oder in einer Pflegeeinrichtung wieder möglich ist
Dafür braucht es eine individuelle Einschätzung der Situation, die vom behandelnden Arzt sowie einem Team aus Therapeuten und Pflegekräften vorgenommen wird.
Bei Frau Stracke ist man sich einig: die Erfolgsaussichten sind gegeben. Und so kommt es auch. Die Therapie in der geriatrischen Abteilung bewirkt deutliche Fortschritte – so große, dass sie nach einigen Wochen wieder stabil ist und zurück in die Einrichtung kann.
„Die Entscheidung für die Frühreha war für unsere Mutter genau die richtige. Neben der Umstellung der Medikation und dem täglichen Training mit den Therapeuten war vor allem die Empathie, die ihr entgegengebracht wurde, ein entscheidender Faktor“, sagt Sohn Kai Stracke. Denn der Umgang mit Demenzerkrankten erfordere viel Erfahrung, Fingerspitzengefühl und Verständnis für ihre Situation. Genau das habe sie in der Helios Klinik von Dr. Manoranjan und seinem Team erfahren dürfen.
Man dürfe jedoch keine Wunder erwarten: „Ihre Demenz nimmt mit der Zeit weiter zu. Das ist leider so, aber auch nicht anders zu erwarten. Was man jedoch mit Sicherheit sagen kann: Die Frühreha hat ihrem Leben noch einmal eine deutliche Wendung zum Guten gegeben.“
Das bestätigt auch Dr. Manoranjan: „Die Geriatrie kann die Folgen des Alterns nicht aufhalten oder umkehren. Aber sie kann Betroffenen und Angehörigen helfen, die Lebensqualität zumindest für eine gewisse Zeit zu erhalten und Abbauprozesse zu verlangsamen.“

