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„Sie hat einfach ganz viel Glück gehabt“

Laut der Deutschen Herzstiftung starben im Jahr 2023 mehr als 17.000 Frauen in Deutschland an den Folgen eines Herzinfarkts. Viele dieser Todesfälle könnten verhindert werden, wenn die Symptome schneller und zuverlässiger erkannt würden. Das Problem: Der Herzinfarkt gilt noch immer häufig als typische „Männersache“.

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Nervenstark: Oberarzt Radhwan Marda rettete mit dem Kardiologenteam der Helios Klinik Attendorn Britta Bulis` Leben (Foto: Helios Klinik Attendorn)

„Als uns gemeldet wurde, dass jeden Moment eine junge, gesunde Frau ohne bekannte Vorerkrankungen als akuter Notfall eingeliefert wird und wir das Herzkatheterlabor vorbereiten sollen, war ich zunächst überrascht“, erinnert sich der Kardiologe Radhwan Marda. Bei Männern denke man bei starken Brustschmerzen sofort an einen Herzinfarkt. Und diese Vermutung bestätige sich auch meistens. Frauen seien hingegen oft deutlich schwieriger einzuschätzen.

Marda ist Oberarzt der Abteilung für Kardiologie, Angiologie und Intensivmedizin am Helios Klinikum Attendorn. Am 23. Februar dieses Jahres hat er Dienst, als die 39-jährige Britta Bulis in lebensbedrohlichem Zustand eingeliefert wird. Noch während der Fahrt ins Krankenhaus schreibt der Rettungsdienst ein EKG – mit eindeutigem Ergebnis: Herzinfarkt. Die Symptome, die sie quälten, hatten zunächst jedoch nicht eindeutig darauf hingedeutet. Am wenigstens für die Betroffene selbst. „Das EKG ließ aber keinen Zweifel zu – wir mussten sofort handeln“, sagt Marda.

Herzinfarkt im „falschen“ Gewand

Der Morgen beginnt für Britta Bulis zunächst wie jeder andere. Rückenschmerzen kennt sie bereits. Nach Arbeitstagen als Aushilfe im Service des Plettenberger Restaurants „Zur Post“ und als Hausfrau und Mutter, seien Rückenbeschwerden nichts Ungewöhnliches. „Das kann alles schon mal ins Kreuz gehen“, erzählt sie. Trotzdem läuft der Alltag weiter: Die Kinder müssen für Schule und Kindergarten fertig gemacht werden, Brote werden geschmiert, Kleidung vorbereitet.

Doch von jetzt auf gleich explodieren die Schmerzen zwischen den Schulterblättern, werden unerträglich. „Mein Kreislauf spielte völlig verrückt. Ich musste mich auf den Boden legen und die Beine hochlegen. Ich konnte einfach nichts mehr“, erinnert sich die Mutter zweier kleiner Kinder.

Kurz nach sieben Uhr trifft der Rettungswagen am Haus der Familie ein. Vor Schmerzen kann Britta Bulis kaum noch sprechen, nur noch leise stöhnen. Der Notarzt ahnt schnell, dass mehr dahintersteckt als Rückenprobleme – und behält recht.

Das Notfall-EKG bestätigt den Verdacht auf einen Herzinfarkt. Von da an zählt jede Minute. Mit Blaulicht und Martinshorn geht es in die Helios Klinik Attendorn.

„Ein Herzinfarkt bei Frauen unterscheidet sich medizinisch in mehreren wichtigen Punkten von dem bei Männern – und genau das macht ihn oft gefährlicher“, erklärt Prof. Dr. Atilla Yilmaz, Chefarzt der Kardiologie am Helios Klinikum Attendorn. Typische Symptome bei Frauen seien nicht nur Schmerzen oder Druck in der Brust, sondern häufig auch Beschwerden im Rücken, Kiefer, Nacken oder Oberbauch. Hinzu kämen Atemnot, Übelkeit, Erbrechen, starke Erschöpfung, Schwindel oder kalter Schweiß. „Oft werden diese Symptome weder von den Betroffenen selbst noch vom medizinischen Personal sofort als Herzinfarkt erkannt“, so Dr. Yilmaz. Zudem verliefen Herzinfarkte bei Frauen häufig schwerer und seien komplizierter zu behandeln.

Rettung in letzter Sekunde

Was danach im Krankenhaus geschieht, erlebt Britta Bulis rückblickend wie einen Fiebertraum. Unter örtlicher Betäubung setzt Radhwan Marda ihr über einen Zugang in der Leiste mehrere Stents ein. Durch die starken Schmerzmittel bekommt die Patientin von dem lebensrettenden Eingriff kaum etwas mit. „Der Infarkt wurde durch einen spontanen Riss der Hauptherzkranzgefäßarterie ausgelöst – eine sogenannte spontane koronare Dissektion ohne vorbestehende Atherosklerose (SCAD). Das ist bei Frauen eine häufigere Ursache für Herzinfarkte“, erklärt der Kardiologe. Die Pumpfunktion des Herzens sei zu diesem Zeitpunkt bereits deutlich eingeschränkt gewesen. „Wir mussten das Gefäß schnell wieder öffnen, damit es nicht zum Herzstillstand kommt“, sagt Marda. 

Doch der Weg dorthin ist schwierig, da die Sicht stark eingeschränkt ist. Der Arzt muss sich mit seinen filigranen OP-Instrumenten fast „blind“ den Weg durch das zerstörte Gefäß bannen und sich in wie in einem Labyrinth zurechtfinden. Und das bei absolutem Zeitdruck. Aber mit Happy End: „Ich behielt die Nerven und gab nicht auf. Nach einem leisen Stoßgebet zum Himmel gelang es mir tatsächlich, beide Gefäße jeweils mit einem Stent wieder zu rekanalisieren“. Kurz nachdem die Stents die Arterienwand stabilisieren, verbessert sich der Zustand der Patientin spürbar.

Trotzdem ist die Gefahr noch nicht vorbei

Zur weiteren Behandlung wird Birgit Bulis per Hubschrauber ins Herzzentrum am Helios Universitätsklinikum Wuppertal geflogen. Ob trotz des Eingriffs ein kardiogener Schock droht, der die vorübergehende Anwendung eines Herzunterstützungssystems erforderlich macht, ist zu diesem Zeitpunkt nicht auszuschließen. 

Doch die Herzfunktion der 39-Jährigen kehrt allmählich wieder in einen normalen Modus zurück. „Wir hatten sie vier Tage lang auf der Intensivstation unter Beobachtung. Komplikationen gab es glücklicherweise keine“, berichtet Dr. med. Alexander Wolf, Chefarzt für Kardiologie – Strukturelle Herzerkrankungen am Helios Universitätsklinikum Wuppertal. Lediglich die eingesetzten Stents hätten im Nachhinein noch leicht angepasst werden müssen. Es erfolgte eine Kontrollkoronarangiographie und eine Nachdehnung der Stents, auf die bei dem Ersteingriff in Attendorn noch verzichtet werden musste. 

Schließlich sei es dort nur darum gegangen, das Leben der Patientin zu retten und ihren Kreislauf zu stabilisieren. „Der enorme Zeitdruck bei der Akutversorgung ließ für Feinheiten keine Spielräume“, so Dr. Wolf. Bereits wenige Tage später konnte Birgit Bulis das Krankenhaus wieder verlassen.

„Das muss in die Köpfe“

Heute lebt die Plettenbergerin wieder weitgehend ohne Einschränkungen. „Ich kann vieles wieder so machen wie vorher und bin sowohl im Beruf als auch in der Familie wieder auf einem guten Weg, sagt sie. Trotzdem muss sie in den kommenden Monaten sehr auf sich achtgeben. 

Vor allem empfinde sie große Dankbarkeit gegenüber allen Beteiligten – dem Rettungsdienst ebenso wie den Ärzten und Pflegekräften in Attendorn und Wuppertal. Ohne die schnelle und reibungslose Zusammenarbeit hätte sie möglicherweise nicht überlebt.

Psychisch habe das Erlebnis jedoch vieles verändert. „Mir ist bewusst geworden, dass ich unglaubliches Glück hatte“, sagt Bulis. Eine Fehldiagnose oder ein späteres Erkennen der Symptome hätte fatale Folgen haben können.

„Ich wünsche mir, dass andere Frauen in derselben Situation ebenfalls die richtige Diagnose bekommen. Der Herzinfarkt ist keine reine Männersache mehr. Das muss endlich in die Köpfe.“

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