Als sich die Bundestagsabgeordnete Nezahat Baradari (SPD) im Hochsommer letzten Jahres im Jobcenter zu einem Gespräch mit Geschäftsführer Hans-Georg Völmicke traf, gab es Corona noch nicht. Ein Grund mehr, jetzt wieder nachzufragen – den Umständen entsprechend in einem Videogespräch.

Die düsteren Vorahnungen haben sich zum Glück nicht bewahrheitet: Einer Prognose der Bundesagentur für Arbeit vom März dieses Jahres zufolge rechnete das Jobcenter Kreis Olpe mit mehr als 1100 weiteren Bedarfsgemeinschaften durch Corona. Stand jetzt sind es aber mit 2529 Bedarfsgemeinschaften gleich viele wie zu Beginn der Krise. „Wir sind mehr als mit einem blauen Auge davongekommen“, so Völmicke. Durch Erleichterungen in den Arbeitsabläufen und durch den Einsatz von Mitarbeitern im Homeoffice sei das Jobcenter in seiner Arbeit bisher gut durch die Zeit gekommen. Zu den pandemiebedingten Vereinfachungen gehört der zeitweise Wegfall des Weiterbewilligungsantrags, Vermögensnachweise wie bisher fallen zeitweise weg und Wohnungen werden temporär unabhängig von der Größe akzeptiert. Derartige Vereinfachungen sollten bis zum Ende der Pandemie berücksichtigt werden, befand Völmicke. Zudem halfen Arbeitsvermittler nach Kurzschulungen im Leistungsbereich aus.

Im März mussten die Besucherströme drastisch reduziert werden. Hatten 2019 im ganzen Jahr noch 50000 Besucher das Jobcenter Kreis Olpe besucht, wurden diese dann „auf null runter gefahren“, so Völmicke. Dank Digitalisierung klappte das im Leistungsbereich sehr gut, Anfragen wurden postalisch und per Mail geklärt. Nur Notfallkontakte fanden im Jobcenter statt. Im Laufe der Zeit wurden die Beschränkungen etwas gelockert. Im Moment sind Besuche wieder „heruntergefahren“.

Auf Nachfrage der Abgeordneten präsentierte Völmicke aktuelle Zahlen. Das Jobcenter betreut im Moment 1.488 Arbeitslose, die Arbeitslosengeld II beziehen, umgangssprachlich „Hartz IV genannt – 28 weniger als im Oktober, aber dennoch 226 mehr als im November vor einem Jahr.

Positiv sehen Baradari und Völmicke, dass in diesem Jahr bis Oktober 580 Personen wieder Arbeit fanden. Das seien zwar 160 weniger als im Vorjahr, aber angesichts der besonderen Umstände „immer noch eine gute Zahl“, befindet Völmicke. Zumal das Jobcenter kaum Facharbeiter betreut, sondern überwiegend Menschen ohne beruflichen Abschluss.

Die Frage der heimischen Abgeordneten, wie viele Menschen im Handwerk untergekommen seien, beschied Völmicke mit „eher weniger“, das Jobcenter vermittele „viel über Personaldienstleister in die Industrie. Das Handwerk spielt bei der Vermittlung im Jobcenter eine untergeordnete Rolle“.

Auch die (Solo-)Selbstständigen waren ein Thema. Baradari vermutet, dass es hier große regionale Unterschieden gibt. Völmicke bestätigt, in NRW sei „diese Problematik bei den Jobcentern bislang kaum angekommen“. Seit Mitte März wurden insgesamt 1.045 Anträge an das hiesige Jobcenter gestellt, darunter 71 von selbständigen Personen.

Als Herausforderung betrachtet Völmicke, was viele Menschen mit dem Jobcenter eher wenig in Verbindung bringen: Das Jobcenter hat schon länger selbst Probleme, Personal zu bekommen. Umso wichtiger sind für Baradari „die weichen Standortfaktoren, die immer mehr zu harten Faktoren werden“, um den ländlichen Raum attraktiver gestalten. Als Beispiele nennt sie Kindertagesstätten, Ganztagsschulen, Gesundheitsversorgung, Personennahverkehr.

Derzeit arbeiten im Jobcenter Kreis Olpe 75 Menschen, zwischenzeitlich waren fast zehn Stellen nicht besetzt. Der Geschäftsführer resümiert: „Wenn sich die elfhundert Zuwächse bewahrheitet hätten …“ Aber diese Vorahnungen haben sich zum Glück ja nicht bewahrheitet.

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