Wie Kunsttherapeutinnen im Klinikalltag Menschen beim Ausdruck ihrer Gefühle begleiten
Malen, modellieren, gestalten – das klingt nach Freizeitbeschäftigung. Doch weit gefehlt: In der Kunsttherapie geht es um weit mehr als Farbe und Form. Sie ist ein wichtiger Baustein in der psychiatrischen und psychosomatischen Behandlung und eröffnet Patient:innen einen nonverbalen Zugang zu ihren Gefühlen und inneren Bildern. Gabriele Dreistein und Christine Bongard, Kunsttherapeutinnen in den GFO Kliniken Südwestfalen, geben Einblicke in ihre Arbeit im Krankenhaus, berichten von eindrücklichen Momenten und erklären, warum ein Pinsel manchmal mehr sagen kann als tausend Worte.


Wie erklären Sie jemandem, der noch nie von Kunsttherapie gehört hat, was Sie tun?
Dreistein: C. G. Jung hat einmal gesagt: „Die Hände wissen oft, was zu tun ist, was der Geist noch nicht weiß.“ Genau darum geht es: Wir gestalten intuitiv, und in den Bildern steckt immer auch etwas Unbewusstes.
Bongard: Kunsttherapie ist am Menschen orientiert und wird therapeutisch begleitet. Sie eröffnet die Möglichkeit, zu den eigenen inneren Bildern zu gelangen, sie nach außen zu bringen und über Kreativität sowie sinnliche Wahrnehmung Zugang zu sich selbst zu finden.
Was unterscheidet Kunsttherapie von anderen Therapieformen im Krankenhaus?
Dreistein: Die Materialien und Medien – wir malen, gestalten, plastizieren. Das macht den Unterschied.
Bongard: Über den kreativen Prozess schaffen wir einen nonverbalen Zugang. In der Tagesklinik ist
Kunsttherapie eine ergänzende Form zur Psychotherapie. Bilder wirken wie eine Brücke zum Inneren.
Emotionen, Erfahrungen und Konflikte können sich zeigen, ohne dass sie sofort kognitiv greifbar sein müssen. Erst im Tun kommen sie hervor und lassen sich anschließend im Gespräch über die Bilder reflektieren. So
entsteht oft ein Gefühl von Selbstwirksamkeit.
Welche unterschiedlichen Ansätze von Kunsttherapie gibt es?
Dreistein: In unserer Klinik arbeiten wir unterschiedlich. Meine Kolleginnen in der Tagesklinik in Olpe arbeiten personenzentriert, während ich themenzentriert und tiefenpsychologisch nach C. G. Jung vorgehe. Jede Richtung hat ihre eigene Wirkung und ihren Platz – und das ist gut so.
Gibt es einen typischen Arbeitstag bei Ihnen?
Dreistein: Ja. Ich nehme an den Frühbesprechungen und Übergaben teil, um Informationen über die
Patient:innen zu bekommen, die ich brauche. Danach leite ich meist zwei Gruppen hintereinander und
dokumentiere die Sitzungen.
Bongard: Wir haben einen festen Stundenplan, aber jeder Patient bringt seine Individualität mit. Dadurch ist kein Tag wie der andere. Wir arbeiten zwar in Gruppen, aber jede:r gestaltet nach den eigenen Bedürfnissen. Das macht den Alltag bunt und vielfältig.
Gibt es Momente, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?
Dreistein: Ja, immer dann, wenn Patient:innen plötzlich im eigenen Bild etwas aus dem Unterbewusstsein
erkennen. Man sieht förmlich, wie ihnen etwas bewusstwird. Das sind sehr berührende Momente, manchmal auch mit Tränen der Patient:innen verbunden.
Bongard: Für mich sind es vor allem die Abschlussgespräche. Wir legen die Werke vom ersten bis zum letzten Bild nebeneinander und betrachten die Entwicklung. Patient:innen sehen dann ihren eigenen Prozess – sichtbar wird der psychiatrische wie auch der psychotherapeutische Fortschritt.
Wie verändert sich die Atmosphäre, wenn Kunst ins Spiel kommt?
Dreistein: Da ich ständig mit Kunst arbeite, nehme ich die Veränderung selbst kaum wahr. Außenstehende
würden das wahrscheinlich deutlicher sehen.
Bongard: Kunst ist ein besonderes Angebot, das viele erst wiederentdecken müssen. Fast jedes Kind hat gerne gemalt – dieses Potenzial steckt in jedem Menschen. In der Therapie geht es darum, daran anzuknüpfen und den Zugang wiederzufinden.
Manche Patient:innen sagen: „Ich kann gar nicht malen.“ – Wie gehen Sie damit um?
Dreistein: Ich sage: Es ist egal – selbst Strichmännchen sind Kunst. Im Museum hängen auch weiße Bilder, die hochdotiertt sind.
Bongard: Zunächst dürfen Patient:innen diese Haltung äußern. Dann lade ich sie ein, sich auf eine einfache Wahrnehmungsübung einzulassen. Oft löst sich die Angst dadurch.
Mit welchen Materialien arbeiten Sie besonders gerne?
Dreistein: Ich habe keine persönlichen Vorlieben, sondern wähle die Materialien passend zum Krankheitsbild: Wasserfarben für Menschen, die Kontrolle loslassen sollen; Buntstifte für jene, die mehr Begrenzung brauchen. Bongard: Ich beginne gerne mit Pastellkreiden oder Aquarellfarben. Beide eignen sich gut für Einstiegsübungen. Mit Grundfarben zu experimentieren, Farben zu mischen und Übergänge zu gestalten, nimmt den Druck, etwas „Schönes“ schaffen zu müssen, und öffnet den Zugang zum kreativen Prozess.
Was kann ein Pinsel ausdrücken, was Worte nicht können?
Dreistein: Vor allem Gefühle. Vielen Menschen fällt es schwer Gefühle auszusprechen. Da kann der Pinsel dann helfen.
Bongard: Nicht nur der Pinsel, auch andere Materialien eröffnen Ausdrucksmöglichkeiten. Farben und Formen korrespondieren mit der Gefühlswelt und wirken direkt auf uns.
Gibt es Farben oder Formen, die immer wieder auftauchen?
Dreistein: Schwarz und Rot sehe ich sehr häufig – sie stehen für Trauer, Depression, Wut oder Schmerz. Auch das Herz taucht oft auf, als Symbol für Sehnsucht nach Liebe oder für erlittene Verletzungen.
Bongard: Farben haben feste Bedeutungen, aber auch individuelle: Rot kann für Liebe oder Gefahr stehen, Blau für Ruhe oder Kälte. Formen wie Kreis, Quadrat oder Spirale haben ebenfalls Symbolkraft. Wichtig ist: Die
Deutungshoheit liegt bei den Patient:innen, nicht bei mir.
Was hat Sie persönlich zur Kunsttherapie gebracht?
Dreistein: Die Magie der Bilder. Als Fotografin habe ich Bilder von außen gemacht, jetzt geht es um die inneren Bilder der Menschen.
Bongard: In erster Linie liebe ich die Kunst, aber das Wort Therapie ist mir wichtiger. Die Kunst ist das Medium, über das der Austausch gelingt.
Wo stößt Kunsttherapie im Krankenhaus an ihre Grenzen?
Dreistein: Strukturell: Wir arbeiten in festen Zeitrastern und können nicht immer ausreichend nachbereiten. Auch personell, etwa bei Urlaubsvertretungen, entstehen Lücken.
Bongard: Grenzen gibt es bei akuten Krisen, etwa bei hoher Suizidalität oder Psychosen. Dann steht
Stabilisierung im Vordergrund. In der Tagesklinik erlebe ich Kunsttherapie aber als sehr sinnvoll.
Welche Frage würden Sie sich selbst stellen, wenn Sie die Interviewerin wären?
Bongard: Vielleicht könnte man noch fragen: „Sind künstlerische Vorkenntnisse nötig?“ – Für Patient:innen gilt: Nein. Jeder bringt Ressourcen aus der Kindheit mit, an die wir anknüpfen können.
Eine weitere Frage wäre: „Für wen ist Kunsttherapie geeignet?“ – Im Grunde für alle Menschen mit psychischen Problemen, besonders für jene, die Schwierigkeiten haben, sich verbal auszudrücken. Aber auch andere
profitieren stark davon.
Und: „Welche Ziele hat Kunsttherapie?“ – Da geht es viel um das Selbst: Selbstwahrnehmung, Selbstausdruck, Selbstwertgefühl und Selbstwirksamkeit. Dieses Erleben, dass man selbst etwas gestalten und verändern kann, ist ein zentraler Aspekt.
Wie sehen Sie die Zukunft der Kunsttherapie in Kliniken?
Dreistein: Sie ist ein wichtiger Baustein in der Behandlung und sollte in noch mehr Kliniken selbstverständlich werden.
Bongard: Ich hoffe, dass ihr Stellenwert weiterwächst – auch in Praxen. Ihre Wirksamkeit ist unübersehbar.
Gibt es ein Kunstwerk, das Ihre Arbeit in der Kunsttherapie symbolisiert?
Dreistein: Für mich ist es „Der Schrei“ von Edvard Munch. Dieses weltberühmte Bild bringt seelische Not und
Qual zum Ausdruck – Gefühle, die viele unserer Patient:innen sehr gut kennen.
Bongard: Mir fallen gleich zwei Werke ein. Zum einen ein Bild einer Patientin, das heute im Klinikgebäude hängt. Es zeigt eine Frau, gemalt in großen Formaten mit Acryl, inspiriert von Gustav Klimt. Diese Figur trägt einen
goldenen Umhang, außen hell und leuchtend, innen dunkel, mit Augen und Spiralen. Beim Malen war zu spüren, wie intensiv sich die Patientin damit verbunden hat.
Zum anderen ein Jahreszeitenbaum, den eine andere Patientin gestaltet hat – Frühling, Sommer, Herbst und Winter, jeweils mit denselben drei Grundfarben, nur anders gemischt. Sie hat den Baum über Wochen hinweg begleitet, sich in jede Jahreszeit eingefühlt und durch Farben Gefühle zum Ausdruck gebracht. Das Werk zeigt sehr anschaulich, was Kunsttherapie leisten kann: Prozesse durchleben, Perspektiven wechseln,
Selbstwirksamkeit erfahren. Für mich ist es ein Symbol dafür, wie Kunst zum Spiegel innerer Entwicklungen wird.

