Donnerstag, 03. April 2025

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Auf­de­ckungs­ver­hin­de­run­gen tref­fen bis ins Mark

Prof. Dr. Mar­tin Waz­la­wik (Hoch­schu­le Han­no­ver) sowie Hel­ga Dill und Sabi­ne Wall­ner (Insti­tut für Pra­xis­for­schung und Pro­jekt­be­ra­tung, Mün­chen) haben am Don­ners­tag (21. März) in Bie­le­feld die Ergeb­nis­se ihrer ForuM-Sub­stu­die „Auf­ar­bei­tung vor Ort“ zu den Miss­brauchs­fäl­len in der Ev. Kir­chen­ge­mein­de Brüg­ge-Lösen­bach (Evan­ge­li­scher Kir­chen­kreis Lüden­scheid-Plet­ten­berg) vor­ge­stellt. Dazu waren neben Betrof­fe­nen auch Lei­tungs­per­so­nen und an der Auf­klä­rung Betei­lig­te aus Lan­des­kir­che, Kir­chen­kreis und Gemein­de sowie Medi­en­ver­tre­ter ins Lan­des­kir­chen­amt der Evan­ge­li­schen Kir­che von West­fa­len (EKvW) gekom­men.

Kir­chen­rä­tin Danie­la Fri­cke, Beauf­trag­te für den Umgang mit Ver­let­zun­gen der sexu­el­len Selbst­be­stim­mung in der EKvW, dank­te zunächst allen, die durch Inter­views an der Stu­die mit­ge­wirkt und sich in den Jah­ren 2020 bis 2022 an sie oder ande­re Mit­glie­der des
Inter­ven­ti­ons­teams gewandt haben: „Sie alle haben Ihre unver­wech­sel­ba­re, indi­vi­du­el­le Geschich­te ein­ge­tra­gen, ob sie Ein­gang in die Stu­die gefun­den hat oder nicht. Sie alle haben so viel Mut auf­ge­bracht, sich sol­cher Anstren­gung unter­zo­gen, wie wir es als Insti­tu­ti­on auf jeder Ebe­ne, das zeigt die Stu­die in aller Deut­lich­keit, in Jahr­zehn­ten nicht ver­mocht haben. Eben­so gebührt der Dank Ihnen, die als Zeit­zeu­gin­nen und Zeit­zeu­gen, ehe­ma­li­ge beruf­lich und ehren­amt­lich in der Ev. Kir­chen­ge­mein­de Brüg­ge-Lösen­bach Täti­ge, als ehe­ma­li­ge jugend­li­che Teil­neh­men­de, als Eltern ihre Erin­ne­run­gen und Erleb­nis­se berich­tet und so dazu bei­getra­gen, dass sich das Bild die­ses jahr­zehn­te­lan­gen unsäg­li­chen Gesche­hens zusam­men­setzt und nun eben doch, end­lich, sag­bar wur­de: sexua­li­sier­te Gewalt in schreck­li­chem Aus­maß an so vie­len jun­gen Men­schen, über so lan­ge Zeit im Sys­tem ver­deckt geblie­ben.“

Auf­de­ckungs­ver­su­che, Macht­ver­hält­nis­se und Täter­stra­te­gie
Fri­cke zeig­te sich erschüt­tert über das den kirch­li­chen Gre­mi­en in der 80-sei­ti­gen Stu­die attes­tier­te Schei­tern einer umfas­sen­den und trans­pa­ren­ten Auf­ar­bei­tung der Miss­brauchs­fäl­le im Ev. Kir­chen­kreis Lüden­scheid-Plet­ten­berg: „Obwohl ich die Geschich­ten von Ihnen, den
Betrof­fe­nen ken­ne, selbst gehört und teil­wei­se ver­schrift­licht habe, mit so vie­len gespro­chen und in unzäh­li­gen Stun­den im Inter­ven­ti­ons­team, im Pres­by­te­ri­um und an ande­ren Orten davon gespro­chen habe, trifft die kom­pri­mier­te Dar­stel­lung der Auf­de­ckungs­ver­su­che, der Ver­stri­ckun­gen, Macht­ver­hält­nis­se, der Täter­stra­te­gie und der bis zum Som­mer 2020 andau­ern­den Auf­de­ckungs­ver­hin­de­run­gen bis ins Mark.“

Gleich­zei­tig wünsch­te sie sich eine über den Stu­di­en­fo­kus hin­aus­ge­hen­de, inten­si­ve­re Aus­ein­an­der­set­zung mit den Struk­tu­ren, die das Gesche­hen über­haupt erst mög­lich gemacht haben: „Dar­über müs­sen wir noch mehr wis­sen, noch tie­fer ein­stei­gen, noch sys­te­ma­ti­scher
auf­be­rei­ten, um bes­ser noch ver­ste­hen zu kön­nen: Wie war das mög­lich, dass der Täter über vier Jahr­zehn­te unge­hin­dert blieb? Wel­che Kon­stel­la­tio­nen, Ver­hal­tens­wei­sen, struk­tu­rel­len Bedin­gun­gen, haben das begüns­tigt? Wel­che Rol­le spiel­ten Fröm­mig­keits­tra­di­ti­on und
theo­lo­gi­sche – ich möch­te sagen per­ver­tier­te theo­lo­gi­sche Begrün­dun­gen? Ver­ste­hen, um dar­aus ler­nen zu kön­nen, Ver­än­de­run­gen her­bei­zu­füh­ren, damit Men­schen im Raum unse­rer Kir­che geschützt sind.“

Auch für Dr. Chris­tof Gro­te, Super­in­ten­dent des Ev. Kir­chen­krei­ses Lüden­scheid-Plet­ten­berg, sind die vor­ge­leg­ten Stu­di­en­ergeb­nis­se Moti­va­ti­on und Auf­trag, am The­ma dran­zu­blei­ben, Ver­säum­nis­se ein­zu­ge­ste­hen und kon­struk­tiv wei­ter­zu­den­ken: „Über­haupt for­dert uns die Stu­die nun, nach­zu­ar­bei­ten und genau­er hin­zu­schau­en. Sicher­lich müs­sen wir dabei auch noch ein­mal einen genaue­ren Blick auf die Fak­to­ren len­ken, die sol­che Fäl­le sexua­li­sier­ter Gewalt in unse­rer Kir­che erst ermög­li­chen. Die umfang­rei­che ForuM-Stu­die zeigt hier eini­ges auf, was wir auf die kon­kre­te Situa­ti­on in der Gemein­de Brüg­ge-Lösen­bach noch genau­er ana­ly­sie­ren müs­sen, um im Sin­ne einer gelin­gen­den Prä­ven­ti­on han­deln zu kön­nen. Hier müs­sen wir die Ergeb­nis­se der Stu­die sicher­lich noch ergän­zen.“

Auf­klä­rung als Auf­ga­be von Inter­ven­ti­on?
Dank­bar, so Gro­te, sei er auch für „die kla­re Benen­nung der Stu­die, dass die Betrof­fe­nen nicht nur eine ande­re Kom­mu­ni­ka­ti­on und Trans­pa­renz erwar­tet haben, son­dern auch eine ande­re Form der Auf­klä­rung, näm­lich eine Auf­klä­rung, in der das Inter­ven­ti­ons­team viel akti­ver auf mög­li­che Betei­lig­te zuge­hen soll­te. Das haben wir erst sehr spät und dann auch nur ansatz­wei­se so getan. Die­ses Bedürf­nis der Betrof­fe­nen habe ich lan­ge Zeit so deut­lich nicht wahr­ge­nom­men.“ Galt bis­lang: „Die Auf­ga­be des Inter­ven­ti­ons­teams ist es nicht, ermit­telnd tätig zu wer­den“, müs­se jetzt also noch ein­mal geprüft wer­den, ob die Auf­ga­be von Inter­ven­ti­on nicht doch anders gefasst
wer­den müs­se, näm­lich auch als „mit­ver­ant­wort­lich für die Auf­klä­rung“.

Etwas mehr Dif­fe­ren­ziert­heit hät­te sich Gro­te von den Stu­di­en­ma­chern aller­dings mit Blick auf die kon­flikt­träch­ti­ge und dif­fu­se Gemenge­la­ge im Pres­by­te­ri­um gewünscht, die die Ver­stän­di­gung mit dem Inter­ven­ti­ons­team häu­fig nur schwer mög­lich gemacht habe. „Ich habe eine trau­ma­ti­sier­te Gemein­de mit einem Pres­by­te­ri­um erlebt, das Pro­zes­se durch­ge­macht hat, wie wir sie sonst aus Trau­er­pha­sen ken­nen“, erin­nert sich Gro­te. „Gera­de die Mit­glie­der des Inter­ven­ti­ons­teams aus dem Pres­by­te­ri­um sind hier in eine Posi­ti­on gera­ten, wo sie im Inter­ven­ti­ons­team teil­wei­se mas­siv kri­ti­siert wor­den sind auf­grund der teil­wei­se schlep­pen­den Umset­zung vor Ort. Dort wie­der­um
sind sie immer wie­der als Quer­trei­ber ange­grif­fen wor­den, die die Ein­heit der Gemein­de und ihrer Lei­tung in Fra­ge stel­len. Hier wäre sicher­lich ein noch deut­lich run­de­res Bild der Kon­flikt­li­ni­en ent­stan­den, wenn für die Stu­die auch Mit­glie­der des Inter­ven­ti­ons­teams aus Lüden­scheid inter­viewt wor­den wären, wozu die­se sich auch durch­aus bereit erklärt hat­ten.“ All das stel­le aber nicht den grund­le­gen­den Kri­tik­punkt der Stu­die infra­ge: „Sehr schnell ist aus einer an den Bedürf­nis­sen der von sexua­li­sier­ter Gewalt Betrof­fe­nen aus­ge­rich­te­ten Arbeit eine inner­kirch­li­che Selbst­be­schäf­ti­gung gewor­den“, räum­te Gro­te ein.

@EKvW

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