Genau 80 Jahre nach der ersten freien Kommunalwahl am 15. September 1946 blickten die langjährigen Kommunalpolitiker und Heimatforscher Birgit Haberhauer-Kuschel und Jürgen Meise auf den demokratischen Neubeginn in Attendorn nach der Katastrophe des 2. Weltkrieges zurück. Eingeladen zu diesem Vortragsabend hatten in den Ratssaal des Rathauses der Verein für Orts- und Heimatkunde und der Arbeitskreis „Demokratennest“.
Nach den Luftangriffen am 28. März 1945 mit vielen Opfern, darunter auch Zwangsarbeitern, und einer weitgehend zerstörten Innenstadt war das städtische Leben wie gelähmt. Schon vor dem Einmarsch de US-Amerikaner und dem Kriegsende war die Versorgungs- und Verkehrslage katastrophal. Viele Häuser und Wohnungen lagen in Trümmern. Verschärft wurde die Wohnungsnot durch die vielen Flüchtlinge. Attendorns Bevölkerung wuchs um rund 30 Prozent. Die Mangellage verschärfte sich in den nächsten Monaten, die Stimmung innerhalb der Bevölkerung wurde immer schlechter.
Aber es gab in Attendorn in diesen schwierigen Zeiten eine Handvoll Männer – Frauen spielten in der Nachkriegszeit kommunalpolitisch kaum eine Rolle -, die zwölf Jahre nach den letzten freien Kommunalwahlen am 12. März 1933 an einem demokratischen Neuanfang arbeiteten. Unter der britischen Militärverwaltung entstanden erste Vorläufer der späteren Stadtverordnetenversammlungen, mit beratenden Aufgaben.
Am 15. September 1946 war es dann soweit. Auch in Attendorn durfte zum ersten Mal nach dem 2. Weltkrieg auf kommunaler Ebene frei gewählt werden. Das Wahlverfahren war eine „komplizierte Angelegenheit“ (Birgit Haberhauer-Kuschel) und mit dem heutigen nicht vergleichbar. Jeder Wähler hatte zum Beispiel in seinem Wahlbezirk sechs Stimmen, maximal einen pro Kandidat. Eine Reserveliste wie heute gab es nicht. Klarer Wahlsieger wurde die neu gegründete CDU, die mit 53,8 Prozent der abgegebenen Stimmen 13 Vertreter in den Stadtrat entsandte. Auf die 1896 in Attendorn gegründete SPD, für die es laut Jürgen Meise ja keine „Stunde null“ gab, die sich nach dem verheerenden Weltkrieg aber auch auf kommunaler Ebene neu organisieren musste, entfielen 33,7 Prozent und vier Stadtvertreter.
Die KDP schickte zwei Frauen ins Rennen, ging wie die Deutsche Zentrumspartei aber leer aus. Für das katholisch geprägte Zentrum kandierte der ehemalige Attendorner Dechant Richard Schwunk, der von der Gestapo 1942 verhaftet und nach Thüringen verbannt wurde. Der Geistliche war offensichtlich kein Freund der neuen christlichen Partei ohne konfessionelle Schranken.
„Mit diesem Ergebnis hatte die CDU nicht gerechnet“, zitierte Birgit Haberhauer-Kuschel den ersten nach dem 2. Weltkrieg frei gewählten Attendorner Bürgermeister Robert Schmidt (CDU). Aber die bestimmenden Themen der Nachkriegsjahre hießen weiter „Wohnung, Ernährung, Kleidung und Entnazifizierung“.
Der Vortrag der beiden langjährigen Kommunalpolitiker und ehemaligen Fraktionsvorsitzenden, Birgit Haberhauer-Kuschel für die CDU und Jürgen Meise für die SPD, bildete den Auftakt einer zweiteiligen Veranstaltungsreihe zum demokratischen Neubeginn in Attendorn. Im zweiten Teil am Freitag, 9. Oktober, berichtet Stadtarchivar Tammo Fuchs ab 18 Uhr im Ratssaal über die Arbeit der ersten frei gewählten Stadtverordnetenversammlung, die Wahl des ersten demokratisch legitimierten Bürgermeisters sowie die wichtigsten Entscheidungen des Rates zwischen 1946 und 1949. Der Eintritt ist frei, Interessierte sind willkommen.


