Am 29.9. 26 wurde die kleine Tilda gefunden: Auf der Straße, blind, völlig orientierungslos, torkelnd, mit noch butterweichen Stacheln und völlig entkräftet. Tilda Herbrechter und Emma Feil sind in Attendorn mit dem Fahrrad zu einer Freundin unterwegs, sehen den winzigen Igel und denken: „Der sucht bestimmt nach seiner Mama und kehrt bald in sein Nest zurück. Wir fassen ihn lieber nicht an“. Auf dem Rückweg läuft der kleine Igel immer noch suchend und im Kreis an der gleichen Stelle umher. Jetzt handeln die Mädels: Tilda stellt ihre Jacke zur Verfügung, Emma baut daraus ein Nest für das Baby und nimmt das Bündel in die Hand: “Ist kein Problem für mich, einhändig zu fahren!“ Sie nehmen das kleine Igelbaby mit nach Hause und bitten ihre Eltern um Hilfe. Familie Herbrechter sieht den dringenden Handlungsbedarf und möchte gerne sofort helfen. Doch niemand aus der Familie hat das nötige Fachwissen, um solch einem kleinen Igelbaby zu helfen. Das kleine Stacheltier kommt mit etwas Gras und einem Handtuch in einen Karton, Wasser und Futter nimmt das Baby nicht an. Nach vielen Recherchen ruft die Familie die Wildtierstation in Eslohe an, der einzigen Igelpflegestelle im Kreis Olpe. Hier heißt es: Überfüllt, keine Zeit aktuell, keine Kapazitäten mehr frei….wenn der Igel Flöhe hat, am besten in den Keller.
Fam. Herbrechter ist unsicher, was sie einem so kleinen Baby an Milch geben darf. Dass Kuhmilch tödlich sein kann für Igelbabys, ist ihnen klar. Aber was als geeigneter Ersatz in Frage kommt, ist unklar. Niemand weiß, wie lange sie zuvor auch schon unterwegs war auf der Suche nach Hilfe. Ihr Schicksal bleibt ungewiss: Ist die Mama verstorben und nicht ins Nest zu ihrem Wurf zurückgekehrt? Hat die kleine Tilda sich als einzige mit schier unermesslichem Lebenswillen auf den Weg gemacht, um zu überleben, um gefunden zu werden? Keiner weiß es. Fest steht: Obwohl die beiden Mädchen täglich noch nach weiteren Igelbabys aus dem Wurf der Igelmama geschaut haben, wurde keines mehr gesichtet.




Das Ärzteehepaar Dr. Petcu weiß von Familie Klose, die bei der Auswilderung von Igeln hilft und verweist auf den Pressebericht, in der Familie Klose zu einem Igel- Infonachmittag einlädt und ihre Kontaktdaten nennt. Ein Anruf bei Fam. Klose und eine halbe Stunde später am späten Abend sitzen Fam. Herbrechter und Fam. Klose im Dunkeln alle am Küchentisch um die kleine Tilda, die nach einer ihrer Finderinnen benannt wurde, herum. Sie ist mittlerweile völlig apathisch, da sie schon seit 2 Tagen in einem kleinen Karton sitzt und auf ihre Milch wartet. Keiner weiß, wie lange sie schon auf der Straße umhergeirrt ist. Schließlich entscheiden die beiden Familien, die kleine Tilda bei Klosen zu lassen. Diese haben zuvor schon einen Wurf allerkleinster Igelbabys erfolgreich großgezogen und wissen um lebenswichtige Maßnahmen: Zuallererst das Baby auf eine Wärmflasche legen, da das Bäuchlein vor einer Fütterung warm sein muss. Bei Unterkühlung kollabiert der Verdauungstrakt zu schnell bei den Kleinsten. Dann der erste Versuch mit einer Mischung aus 80ml Fencheltee, 4 Messlöffeln Babycat Milk von Royal canin, 2 Lactrase Kapseln, 10 Tropfen Saab simplex, 5 Tropfen Leinöl. Das Ganze in einer Spritze aufgezogen, erwärmt und mit einer speziellen Zitzenkanüle dem Tierchen vorsichtig angeboten. Das Baby giert nach der warmen Milch. Aber nach der langen Abstinenz gibt es das Ersehnte nur tröpfchenweise. Und immer wieder wird nach der Nahrungsaufnahme das sog. Toiletting gemacht, das behutsame Streicheln des Bäuchleins und der Ausscheidungsorgane, um die Verdauung anzuregen. Ein einfacher Vorgang, den die Igelmama nach dem Trinken der Babys instinktiv ständig selber macht: Sie leckt den Kleinen über diese Bereiche.
Tilda kam am 1.10. mit 63 Gramm zu Fam. Klose. Am Sonntag, dem 11.10.26 wiegt sie schon 168 Gramm. An diesem Tag kommen die beiden Mädels kommen vorbei, um nach Tilda zu sehen. Sie braucht mittlerweile keine Milch aus der Spritze mehr, sondern schlabbert schon ganz genüsslich aus einem Marmeladendeckel ihre Mischung aus kitten pate und ihrer Milch.
Tilda und Emma können kaum glauben, was sie sehen: Tilda ist mittlerweile ein wahres Energiebündel. Hat noch keinerlei Tag-/Nachtrhythmus, flitzt wie eine aufgezogene Spielzeugmaus bergauf, bergab in ihrem naturnahen Gehege herum, purzelt irgendwo runter, rappelt sich wieder auf, zwitschert laut wie ein Vögelchen nach Geschwistern und Mama, sucht im Moos und unter Rinden Mehlwürmchen und zerkleinerte Breckies für Katzen und knabbert daran. Vor allem Tildas Pullover hat es dem stacheligen Zwerg angetan- das Waschpulver ist wohl der Knaller für die kleine Tilda. Sie nuckelt und lutscht an dem Ärmel herum und spuckt sich den tollen Geruch erstmal in ihre Stacheln zum Konservieren.
Bevor sie sich in ihr Schlafhäuschen zurückzieht, wird das Bettchen erstmal schön ausgepolstert. Sie schleppt in ihrem Schnäuzchen unermüdlich Blätter, Papier und weiche Haushaltsrollenschnipsel herbei und baut sich ihr Nest im Schlafhaus, das auf einer warmen Reptilienheizmatte steht.
Da Tilda es nicht mehr schaffen wird, mit einem ausreichenden Gewicht von ca. 700 Gramm in den Winterschlaf zu gehen und im nächsten Frühling gesund wieder daraus aufzuwachen, wird sie bei Klosen in einen betreuten Winterschlaf gehen und dann im Frühling mit entsprechendem Gewicht ausgewildert werden.
Ein Tier zu retten verändert nicht die ganze Welt, aber die kleine Welt von Tilda wurde durch das besonnene und beherzte Eingreifen der beiden Mädchen gerettet.


