Freitag, 04. April 2025

Top 5 der Woche

Ähnlich

Wenn der Schmerz nicht geht

Rund zwölf Mil­lio­nen Men­schen lei­den nach Schät­zun­gen der Deut­schen Schmerz­ge­sell­schaft an chro­ni­schen Schmer­zen. Die Heli­os Kli­nik Atten­dorn setzt auf einen ganz­heit­li­chen Ansatz, um Betrof­fe­nen zu hel­fen.

pressebild behandlung schmerztherapie
Eine typi­sche Behand­lungs­sze­ne: Zu sehen ist der lei­ten­de Ober­arzt und Sek­ti­ons­lei­ter Schmerz­the­ra­pie an der Heli­os Kli­nik Atten­dorn, Dr. Andriy Lyt­vyn, im Pati­en­ten­ge­spräch. Bei dem abge­bil­de­ten Pati­en­ten han­delt es sich aus­drück­lich nicht um jenen aus der Pres­se­mel­dung (Foto: Heli­os Klink Atten­dorn)

„Man ist ein­fach kein Mensch mehr.“

Wenn Micha­el S.* auf sei­ne Lei­dens­zeit zurück­blickt, senkt sich sei­ne Stim­me. Der gelern­te Flie­sen­le­ger ist ein kräf­ti­ger, lebens­lus­ti­ger Mann, der sein Leben lang kör­per­lich hart gear­bei­tet hat und eini­ges aus­hal­ten kann. Dass er kurz vor dem ver­dien­ten Ruhe­stand wegen uner­träg­li­cher chro­ni­scher Schmer­zen ein­mal regel­recht abhän­gig von Opi­aten sein wür­de, wäre ihm nie in den Sinn gekom­men.

Vor sechs Jah­ren wer­den ihm bei einer Ope­ra­ti­on an der Len­den­wir­bel­säu­le Schrau­ben implan­tiert. Im Anschluss beginnt ein lan­ger Lei­dens­weg. Erst andert­halb Jah­re spä­ter zeigt sich auf den Rönt­gen­bil­dern ein bis dahin uner­kann­ter Schrau­ben­bruch.  Auch nach der Ent­fer­nung hören die Schmer­zen nicht auf – im Gegen­teil. Immer höhe­re Schmerz­mit­tel­do­sie­run­gen sind die Fol­ge. Lau­fen kann er nur noch mit dem Rol­la­tor. Dann erreicht den 67-Jäh­ri­gen im Früh­jahr ein Anruf von der damals neu­ge­grün­de­ten Schmerz­the­ra­pie der Heli­os Kli­nik Atten­dorn.

„Zunächst galt es, lang­sam die Opi­ate abzu­set­zen. Herr S. war in eine rich­ti­ge Abhän­gig­keit gera­ten“, beschreibt Dr. Andriy Lyt­vyn den Zustand sei­nes Pati­en­ten nach dem Auf­nah­me­ge­spräch. Der Ober­arzt lei­tet die Sek­ti­on Schmerz­the­ra­pie und kann ihm für Anfang März einen sta­tio­nä­ren The­ra­pie­platz anbie­ten. Bereits zwei Wochen spä­ter ist es soweit. „Extre­me Käl­te, Schweiß­aus­brü­che, dann wie­der­um regungs­lo­ses Ver­har­ren – die Ent­zugs­er­schei­nun­gen waren erst­mal hef­tig“, beschreibt der Schmerz­pa­ti­ent die ers­ten Tage. Als die­se über­wun­den sind, kann es erst mit der eigent­li­chen The­ra­pie los­ge­hen, die weit über den Ein­satz von Medi­ka­men­ten hin­aus­geht.

Pati­en­ten durch­lau­fen Schmerz-Assess­ment

„Zu unse­rem mul­ti­mo­da­len The­ra­pie­an­satz gehö­ren Kran­ken­gym­nas­tik, Phy­sio­the­ra­pie, psy­cho­lo­gi­sche Bera­tung und Ernäh­rungs­be­ra­tung. Dazu kom­men Ange­bo­te wie Qigong, Ent­span­nungs­übun­gen und medi­zi­ni­sche Bewe­gungs­the­ra­pie“, erläu­tert Dr. Lyt­vyn die ver­schie­de­nen Bau­stei­ne, die in der Atten­dor­ner Schmerz­the­ra­pie Anwen­dung fin­den. Alle Pati­en­ten durch­lau­fen vor ihrem Auf­ent­halt ein soge­nann­tes „Schmerz-Assess­ment“. Der Auf­ent­halt im Kran­ken­haus selbst dau­ert im Durch­schnitt 15 Tage. Am Anfang ste­hen ver­schie­de­ne Unter­su­chun­gen und vie­le Pati­en­ten­ge­sprä­che. Ziel ist es, her­aus­zu­fin­den, wel­che Ursa­chen den Schmerz aus­lö­sen und befeu­ern. Danach rich­tet sich dann die indi­vi­du­el­le The­ra­pie. Bei Herrn S. gehör­ten zum Bei­spiel phy­sio­the­ra­peu­ti­sche Übun­gen zur Opti­mie­rung der Kör­per­sta­tik und Ent­span­nungs­übun­gen nach Jakobson dazu, Tech­ni­ken, die auch zuhau­se indi­vi­du­ell aus­ge­führt wer­den kön­nen.

Das Ziel bestehe neben der Schmerz­lin­de­rung auch dar­in, die Wahr­neh­mung der Pati­en­ten für ihre Umge­bung und sich selbst zu sen­si­bi­li­sie­ren, gibt Nadi­ne Neu­haus einen Über­blick. Die erfah­re­ne Pfle­ge­fach­frau weiß, was Schmerz­pa­ti­en­ten durch­ma­chen. Vie­les spie­le sich ver­stär­kend auch im Kopf ab. „Wir arbei­ten auf eine men­ta­le Ver­än­de­rung hin, bei der dem Schmerz kein über­ge­ord­ne­ter Stel­len­wert mehr zukommt. Zudem ver­su­chen wir Wege auf­zu­zei­gen, wie sich Hil­fe­stel­lun­gen und Ansät­ze auch nach dem Ende der The­ra­pie erfolg­reich in den All­tag inte­grie­ren las­sen.“

So wie bei Herr S. Er hat inzwi­schen deut­lich weni­ger Schmer­zen, und kann manch­mal schon ganz auf sei­nen Rol­la­tor ver­zich­ten. Für ihn sind es auch die klei­nen Erfolgs­er­leb­nis­se, die neue Freu­de schen­ken und moti­vie­ren, wei­ter­zu­ma­chen.

„Als ich neu­lich unter war, ging eine Bekann­te ein­fach an mir vor­bei. Sie hat­te mich nicht erkannt, weil ich zu Fuß, aber eben ohne Geh­hil­fe unter­wegs war. Dann bin ich auf sie zuge­gan­gen und sie trau­te ihren Augen nicht, als sie merk­te, wer vor ihr steht. Sol­che Momen­te moti­vie­ren mich, das, was ich in mei­ner The­ra­pie gelernt habe, auch bei­zu­be­hal­ten.“

Hin­weis: *Name des Pati­en­ten aus Grün­den des Daten­schut­zes anony­mi­siert

Ter­min:
Atten­dor­ner Medi­zin­ge­sprä­che: Mul­ti­mo­da­le Schmerz­the­ra­pie
Dr. Andriy Lyt­vyn berich­tet über die ganz­heit­li­che Behand­lung von chro­ni­schen Schmer­zen und beant­wor­tet die Fra­gen von Betrof­fe­nen, Ange­hö­ri­gen und Inter­es­sier­ten rund um das The­ma.
Wann: 9. Okto­ber, ab 16 Uhr
Wo: Heli­os Kli­nik Atten­dorn

Ein­tritt frei

*Name des Pati­en­ten aus Grün­den des Daten­schut­zes anony­mi­siert

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Beiträge