Freitag, 04. April 2025

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E‑Rezept: Aus­fäl­le der zen­tra­len tech­ni­schen Struk­tur gefähr­den die Ver­sor­gung

Ein Drit­tel der Apo­the­ken in West­fa­len-Lip­pe haben der­zeit mas­si­ve Pro­ble­me, ihre Pati­en­ten zu ver­sor­gen. Die Ursa­che dafür liegt nicht in den Apo­the­ken vor Ort. Viel­mehr machen häu­fi­ge Aus­fäl­le in der Tele­ma­tik­in­fra­struk­tur, mit der die E‑Rezepte über­mit­telt wer­den, den Ärz­ten und Apo­the­ken­teams das Leben schwer. „Vor allem aber gefähr­den die­se Aus­fäl­le die Ver­sor­gung unse­rer Pati­en­ten“, kri­ti­siert Ulf Ullen­boom, Vor­sit­zen­der der Bezirks­grup­pe Olpe im Apo­the­ker­ver­band West­fa­len-Lip­pe (AVWL).

E‑Rezepte wer­den über die Tele­ma­tik­in­fra­struk­tur (TI) des Bun­des abge­wi­ckelt. Der Arzt legt die von ihm aus­ge­stell­ten E‑Rezepte sicher ver­schlüs­selt in der TI ab. Dort kann die Apo­the­ke vor Ort die­se abru­fen, wenn der Pati­ent ihr den erfor­der­li­chen „Schlüs­sel“ dazu gibt, also in der Regel sei­ne Gesund­heits­kar­te in der Apo­the­ke steckt. „Wenn es aber zu Stö­run­gen in der TI kommt, kön­nen wir die Rezep­te in der Apo­the­ke nicht abru­fen, ganz gleich wie gut wir selbst tech­nisch auf­ge­stellt und geschult sind. Glei­ches gilt auch für die betrof­fe­nen Ärz­te, die durch die­se Aus­fäl­le die E‑Rezepte nicht in der TI able­gen kön­nen“, so Ulf Ullen­boom.

Die Hän­de gebun­den
Um E‑Rezepte ver­ar­bei­ten zu kön­nen brau­chen die Apo­the­ken und Ärz­te einen elek­tro­ni­schen Heil­be­ru­fe­aus­weis. Wird dabei der Anbie­ter „medi­sign“ genutzt, kommt es seit Wochen zu mas­si­ven Schwie­rig­kei­ten beim Schrei­ben und Lesen von E‑Rezepten. „Sämt­li­che Dienst­leis­ter, die am E‑RezeptDienst teil­neh­men, sind von der Gema­tik, also der Digi­ta­li­sie­rungs­agen­tur des Bun­des, zer­ti­fi­ziert
wor­den. Uns ist voll­kom­men unver­ständ­lich, wie ein sol­cher Dienst­leis­ter trotz Prü­fung und Zer­ti­fi­zie­rung durch die Gema­tik nun regel­mä­ßig aus­fal­len kann“, so Ulf Ullen­boom. „Wir Apo­the­ken müs­sen uns dar­auf ver­las­sen kön­nen, dass die von der Gema­tik zuge­las­se­nen Kom­po­nen­ten auch funk­tio­nie­ren.“

„Die Pati­en­ten ste­hen in ihren Apo­the­ken und kön­nen dort ihre Arz­nei­mit­tel nicht bekom­men, weil den Mit­ar­bei­ter schlicht die Hän­de gebun­den sind. Wir müs­sen 90-Jäh­ri­ge unver­rich­te­ter Din­ge weg­schi­cken und bit­ten, den Weg noch ein­mal auf sich zu neh­men. Wir müs­sen Eltern mit wei­nen­den Kin­dern auf dem Arm ver­trös­ten. Gera­de in Akut­fäl­len müs­sen Pati­en­ten ihre Arz­nei­mit­tel aber schnell erhal­ten – und nicht erst, wenn die TI wie­der läuft.“

Die Apo­the­ken selbst hät­ten in ihrem Bereich für Aus­fall­si­cher­heit gesorgt und ent­spre­chend inves­tiert. Dass die Gema­tik dies nicht eben­falls getan habe, ist für Ulf Ullen­boom voll­kom­men unver­ständ­lich.

Für die betrof­fe­nen Apo­the­ken bedeu­tet der Aus­fall einen exis­tenz­ge­fähr­den­den wirt­schaft­li­chen Scha­den. Mitt­ler­wei­le sei­en annä­hernd zwei Drit­tel der Rezep­te elek­tro­nisch, so Ulf Ullen­boom. „Wenn die TI nicht funk­tio­niert, läuft bei uns so gut wie nichts mehr. Für unse­re Mit­ar­bei­ter ist das extrem frus­trie­rend – und für die Inha­ber sind das Öff­nungs­zei­ten ohne Umsatz. Die betrof­fe­ne Kol­le­gen kön­nen ihren Betrieb in der Zeit des Aus­falls eigent­lich dicht­ma­chen“, so Ulf Ullen­boom.

Hoher finan­zi­el­ler Scha­den
„Sie wer­den auf­grund des finan­zi­el­len Scha­dens womög­lich sogar dau­er­haft schlie­ßen müs­sen“, warnt Tho­mas Rochell, Vor­stands­vor­sit­zen­der des Apo­the­ker­ver­ban­des West­fa­len-Lip­pe. Die wirt­schaft­li­che Lage der Apo­the­ken vor Ort sei ohne­hin äußerst schwie­rig, nach­dem es seit 20 Jah­ren kei­nen Infla­ti­ons­aus­gleich mehr gege­ben habe. Schon jetzt sei ein Drit­tel der Apo­the­ken vor Ort stark gefähr­det. Die durch die Pro­ble­me mit der TI ver­schul­de­ten Umsatz­ein­bu­ßen sei­en ein wei­te­rer Trop­fen, der das Fass zum Über­lau­fen brin­ge: „Dies gefähr­det die flä­chen­de­cken­de Arz­nei­mit­tel­ver­sor­gung der Bür­ger“, so Rochell.

Die Apo­the­ken vor Ort befür­wor­te­ten das E‑Rezept und hät­ten gera­de in der Modell­re­gi­on West­fa­len­Lip­pe sehr kon­struk­tiv an der Ein­füh­rung mit­ge­ar­bei­tet, so Rochell. Wenn aber der­art gra­vie­ren­de Pro­ble­me auf­tre­ten, müs­se der Bund über­le­gen, das Sys­tem vor­über­ge­hend vom Netz zu neh­men, bis die Schwie­rig­kei­ten aus­ge­räumt sei­en. „Alles ande­re ist den Pati­en­ten, aber auch den Akteu­ren im Gesund­heits­we­sen nicht zuzu­mu­ten.“ Rochell for­dert: „Die betrof­fe­nen Apo­the­ken müs­sen vom Bund für die Ein­bu­ßen ent­schä­digt wer­den.“ Und er emp­fiehlt den Pati­en­ten: „Bit­ten Sie Ihren Arzt, ein klas­si­sches rosa­far­be­nes Papier­re­zept aus­zu­stel­len, bis alles rund läuft.“

Der Apo­the­ker­ver­band West­fa­len-Lip­pe e.V. (AVWL):
Die Apo­the­ken in West­fa­len-Lip­pe ver­sor­gen die Bevöl­ke­rung mit lebens­wich­ti­gen Arz­nei­mit­teln, sie bera­ten die Men­schen kom­pe­tent und ver­trau­lich und erbrin­gen wohn­ort­nah phar­ma­zeu­ti­sche Dienst­leis­tun­gen. Der AVWL ver­tritt die Inter­es­sen von rund 1.300 Apo­the­ken­in­ha­bern mit 1700 Haupt- und Fili­al­apo­the­ken. Er ver­steht sich als Zweck­ver­band für die wirt­schaft­li­chen, recht­li­chen und berufs­po­li­ti­schen Inter­es­sen sei­ner Mit­glie­der und ver­tritt die­se nach außen. Wei­te­re Infor­ma­tio­nen unter www.apothekerverband.de

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