Freitag, 04. April 2025

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Unse­re Demo­kra­tie ist gefor­dert. Sie muss min­des­tens so über­zeu­gen­de Ant­wor­ten bie­ten wie die auto­ri­tä­re Kon­kur­renz

Vor einem Jahr, am 24.02.2022, begann der Krieg hier in Euro­pa. Aus­ge­löst von einem macht­gie­ri­gen Radi­ka­len. Beim Fest­akt zum 125-jäh­ri­gen Jubi­lä­um der Atten­dor­ner SPD, der vor gut 2 Jah­ren hier in Atten­dorn statt­fand, habe ich in mei­ner Fest­re­de an eine wich­ti­ge Tat­sa­che erin­nert, Ich habe dar­auf hin­ge­wie­sen, dass unser demo­kra­ti­scher Staat nur so stark sein kann wie die demo­kra­ti­sche Sta­bi­li­tät des Bür­gers.  Für die­se Sta­bi­li­tät stan­den und ste­hen vie­le Men­schen mit Ihrer eige­nen Bio­gra­fie und gegen­wär­tig. Für vie­le stand und steht fest, dass Demo­kra­tie nicht nur ein Sys­tem ist, um Poli­tik zu orga­ni­sie­ren. Für Sie war, für sie ist Demo­kra­tie eine Welt­an­schau­ung. Ich tei­le die­se Per­spek­ti­ve aus­drück­lich. Als Demo­kra­tin­nen und Demo­kra­ten bli­cken wir tat­säch­lich anders auf die Welt. Wir sehen das Recht der Men­schen auf Teil­ha­be und Mit­spra­che als Aus­druck ihrer uni­ver­sel­len Wür­de.

Wir sehen die Ungleich­ver­tei­lung von Macht, Frei­heit und Lebens­chan­cen als Miss­stand. Wir erken­nen die Not­wen­dig­keit, Kon­flik­te gerecht und zivi­li­siert zu lösen. Ob wir unse­ren Blick auf die auf die schreck­li­chen Kriegs­hand­lun­gen in der Ukrai­ne oder in den Iran rich­ten: Vie­ler­orts wird deut­lich, war­um die Demo­kra­tie so eine wert­vol­le Errun­gen­schaft ist.

Aber, gehen wir pfleg­lich genug damit um?

Ich den­ke wir soll­ten acht­sam sein, denn welt­weit befin­det sich gegen­wär­tig die libe­ra­le Demo­kra­tie in der Defen­si­ve. Der unauf­halt­sa­me Sie­ges­zug ist zu einem – zumin­dest – vor­läu­fi­gen Ende gekom­men. Statt­des­sen tür­men sich die Auf­ga­ben, die es anzu­ge­hen gilt. Öko­no­mi­sche und öko­lo­gi­sche, poli­ti­sche und mili­tä­ri­sche Kri­sen set­zen uns und die Demo­kra­tie kon­stant unter Druck. Vom 11. Sep­tem­ber über die Finanz- und Euro­kri­se bis zum rus­si­schen Angriffs­krieg auf die Ukrai­ne. Kon­flik­te und Kata­stro­phen ver­schär­fen welt­weit Hun­ger und Not. Sie trei­ben die glo­ba­le Dyna­mik von Flucht, Ver­trei­bung und Migra­ti­on vor­an. Natio­na­lis­ti­sche, popu­lis­ti­sche und anti­de­mo­kra­ti­sche Kräf­te ver­su­chen, aus die­sen Ent­wick­lun­gen poli­ti­schen Pro­fit zu schla­gen.

Und das alles, wäh­rend sich im Hin­ter­grund lang­fris­ti­ge Bedro­hungs­la­gen wie der Kli­ma­wan­del und das Arten­ster­ben immer wei­ter zuspit­zen. Die Demo­kra­tie ist gefor­dert. Sie muss min­des­tens so über­zeu­gen­de Ant­wor­ten bie­ten wie die auto­ri­tä­re Kon­kur­renz. Und das schnell. Vie­le bezwei­feln, dass sie das schafft. Auch in Deutsch­land sehen sich demo­kra­ti­sche Insti­tu­tio­nen einem fort­schrei­ten­den Ver­trau­ens­ver­lust gegen­über. In einem mei­ner Büche­re­ga­le befin­det sich ein Buch, geschrie­ben von Wolf­gang Thier­se, dem ehe­ma­li­gen Bun­des­tags­prä­si­den­ten. Der Titel lau­tet: “Die ver­stimm­te Demo­kra­tie“. Ich mei­ne, die dama­li­ge Ver­stim­mungs­dia­gno­se ist unge­bro­chen aktu­ell. Lei­der!

Es ist an uns allen und vor allem an Poli­ti­ke­rin­nen und Poli­ti­kern, das öffent­li­che Bild unse­rer aller Ver­ant­wor­tung zu ändern. Wie? Indem wir das Gespräch suchen, indem wir argu­men­tie­ren, indem wir Kli­schees durch­bre­chen und fal­sche Erwar­tun­gen gera­de­rü­cken. Das heißt auch, uns für Neu­es zu öff­nen. Poli­tik muss immer wie­der neu erklärt und ein­ge­ord­net wer­den. Unse­re Par­la­men­te auf kom­mu­na­ler, Lan­des,- Bun­des und euro­päi­scher Ebe­ne und ihre Man­dats­trä­ger haben dabei eine beson­de­re Rol­le. Und auch zudem eine beson­de­re Ver­ant­wor­tung bei ihrer Prä­sen­ta­ti­on nach außen und bei der Gestal­tung des poli­ti­schen Betrie­bes. Vor allem bei der Art, wie mit­ein­an­der und über­ein­an­der gere­det wird.

Wir dür­fen alle eines stets nicht aus dem Blick ver­lie­ren: Demo­kra­tie lebt von Dis­kurs und Kom­pro­miss. Sie braucht die Bereit­schaft, Din­ge aus frem­den Per­spek­ti­ven zu betrach­ten, Ent­schei­dun­gen abzu­wä­gen und zu begrün­den. Aber sie muss auch füh­ren und über­zeu­gen. Dazu braucht es kla­re Hal­tun­gen und Über­zeu­gun­gen. Gera­de wenn es dar­um geht, die­se Demo­kra­tie gegen Popu­lis­ten, Het­zer und Anti­de­mo­kra­ten zu ver­tei­di­gen! Wo Bür­ge­rin­nen und Bür­ger die­se Eigen­schaf­ten ver­mis­sen, wächst Miss­trau­en.  Demo­kra­tie ist kein Schau­spiel. Es geht um rea­le Pro­ble­me, wider­strei­ten­de Inter­es­sen und kon­kur­rie­ren­de Lösungs­vor­schlä­ge. Das muss klar wer­den. Dazu braucht es in der Poli­tik eine kla­re Spra­che, die ankommt und ver­ständ­lich ist. Kein Tech­no­kra­ten Jar­gon, kein Funk­tio­närs­deutsch, das sich hin­ter Fach­vo­ka­bu­lar ver­schanzt. Unse­re Demo­kra­tie lebt von Rede und Gegen­re­de. Von par­la­men­ta­ri­scher Mehr­heit und par­la­men­ta­ri­scher Min­der­heit. Von der Bereit­schaft Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men. Und dem Wil­len, ver­ant­wor­tungs­be­wusst zu wirken.Ich fin­de mit Blick auf die gesam­te Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land muss es uns bes­ser gelin­gen, die Viel­falt unse­res Lan­des auch in sei­nen Insti­tu­tio­nen abzu­bil­den. Nicht zuletzt, was Men­schen mit Migra­ti­ons­ge­schich­te angeht. Ein exak­tes Spie­gel­bild der Bevöl­ke­rung müs­sen unse­re Par­la­men­te nicht sein. Aber sie soll­ten die viel­fäl­ti­gen Per­spek­ti­ven der Men­schen wider­spie­geln, über deren Leben sie ent­schei­den. Das macht unse­re Demo­kra­tie stär­ker. Stark ist sie bereits.

Aber damit sie es bleibt, müs­sen wir alle sie wei­ter­ent­wi­ckeln. Packen wir es an. Es lohnt sich für uns alle. Gemein­sam bekom­men wir das hin!

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