Erkennen, Verstehen und Unterstützen
Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) sind tiefgreifende Entwicklungsstörungen, die sich auf soziale Interaktion, Kommunikation und Verhalten auswirken. Doch welche diagnostischen Kriterien müssen erfüllt sein, um eine gesicherte Diagnose zu stellen? Welche therapeutischen Ansätze haben sich bewährt? Dr. Ricarda Buchal, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, und Christine Seyoum-Del Piero, Diplom-Psychologin und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, vom Sozialpädiatrischen Zentrum der Siegener Kinderklinik erläutern aktuelle Erkenntnisse aus Forschung und Praxis.
„Autismus ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, die in den ersten Lebensjahren erkennbar wird“, erklärt Dr. Ricarda Buchal. „Eine gesicherte Diagnose ist in der Regel ab dem zweiten oder dritten Lebensjahr möglich, da sich Symptome dann deutlicher manifestieren.“ Frühe Hinweise können etwa ein reduzierter Blickkontakt, ein vermindertes soziales Lächeln oder eine ausbleibende Reaktion auf den eigenen Namen sein. „Auch eine verzögerte Sprachentwicklung oder eine auffällige Sprachmelodie – etwa monoton oder abgehackt – können Indikatoren sein“, ergänzt sie. Charakteristisch seien zudem repetitive, stereotype Verhaltensweisen wie das Drehen von Gegenständen, das Flattern der Hände oder ein stark ausgeprägtes Bedürfnis nach gleichbleibenden Abläufen. Christine Seyoum-Del Piero weist darauf hin, dass sich die Symptomatik individuell stark unterscheiden kann. „Man spricht heute von einem Spektrum, da die Ausprägungen von Autismus heterogen sind.“ Während einige Kinder eine ausgeprägte Sprachentwicklungsstörung bis hin zum Fehlen aktiver Sprache zeigen, verfügen andere über eine hohe Sprachkompetenz; genauso reicht die kognitive Spannbreite von schweren Intelligenzminderungen bis hin zu überdurchschnittlicher Intelligenz. Unabhängig von den Ausprägungen der Intelligenz- und Sprachentwicklung ist allen Betroffenen gemein, dass sie die ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten wenig effektiv zur sozialen Interaktion und wechselseitigen Kommunikation nutzen können und daher immer wieder vor Problemen im gesellschaftlichen Alltag stehen.
Die Ursache von Autismus ist multifaktoriell, wobei genetische Punkte eine zentrale Rolle spielen. „In 70-90 Prozent der Fälle lassen sich genetische Prädispositionen nachweisen“, erklärt Buchal. Die Forschung habe mittlerweile mehr als 100 Gene identifiziert, die mit der Entwicklung einer Autismus-Spektrum-Störung assoziiert sind. „Neurobiologisch zeigen sich Auffälligkeiten in der neuronalen Verschaltung bestimmter Hirnregionen, insbesondere in Arealen, die für soziale Kognition und sensorische Verarbeitung relevant sind.“ Umweltfaktoren hätten hingegen nur einen geringen Einfluss auf die Entstehung der Störung. Ein verbreiteter Irrtum ist, dass Impfungen oder bestimmte Ernährungsweisen Autismus verursachen können. Viel diskutiert wird auch der Medienkonsum von Kleinkindern in diesem Zusammenhang. Während ein exzessiver Medienkonsum, der häufig zu Lasten der intensiven Interaktion mit den Eltern und Bezugspersonen geht, keinen Autismus verursachen kann, können sehr wohl autismus-ähnliche Verhaltensweisen wie Auffälligkeiten im Sozialkontakt, Verhalten und der Sprachentwicklung hervorgerufen werden.
Die Diagnostik von Autismus erfolgt multiprofessionell unter Anwendung standardisierter Verfahren. „Der Erstkontakt erfolgt in der Regel über den Kinderarzt, der bei Verdacht an spezialisierte Einrichtungen überweist“, erläutert Dr. Ricarda Buchal. Dort werde ein diagnostischer Prozess durchgeführt, der sowohl entwicklungsneurologische Untersuchungen als auch eine psychologische Diagnostik mittels standardisierter Testverfahren umfasst. Eine ausführliche Anamnese unter Einbezug des familiären Umfeldes sowie einer Verhaltensbeschreibung aus dem Kindergarten oder der Schule sind auf jeden Fall notwendig, um eine zuverlässige Diagnose stellen zu können. Bei jungen Kindern kann zur Abgrenzung zu anderen Störungsbildern und Beeinträchtigungen eine längere Beobachtungsphase erforderlich sein. Und: Ein frühzeitiger Förderbeginn kann die Entwicklung betroffener Kinder maßgeblich beeinflussen, da bereits in den ersten Lebensjahren Lernprozesse gezielt stimuliert werden können. „Obwohl Autismus nicht heilbar ist, können gezielte Interventionen die Anpassungsfähigkeit und Lebensqualität erheblich verbessern“, so Seyoum-Del Piero.

