Die gesundheitliche und pflegerische Versorgung stellt einen wichtigen Bereich der Daseinsvorsorge in ländlichen Gebieten dar. Und hier sind die Handlungsanforderungen besonders groß, wenn die ärztliche Versorgung nicht weiter gefährdet werden soll. Zudem lässt das Angebot an psychiatrischer und psychotherapeutischer Versorgung im Kreis Olpe zu wünschen übrig.

Eine hochkarätige Podiumsbesetzung diskutierte am Montagabend im Kolpinghaus Olpe mit Bundeskandidatin Nezahat Baradari (SPD) und zahlreichen Vertretern aus der Kommunalpolitik sowie mit interessierten Bürgerinnen und Bürgern über die Herausforderungen im Gesundheitsbereich. Darunter Burkhard Blienert, MdB und Mitglied der SPD im Gesundheitsausschuss des deutschen Bundestages, Johannes Schmitz, Geschäftsführer der Kath. Hospitalgesellschaft Südwestfalen, Schulleiter Wolfgang Fischbach von der Fortbildungsakademie für Gesundheitshilfe in Olpe-Rhode, Stefan Spieren, Facharzt für Allgemeinmedizin- und Chirurgie, Waldemar Radtke, AOK Rheinland/ Hamburg, Leiter der Regionaldirektion Städteregion Aachen-Kreis Düren und Petra Weinbrenner-Dorff, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Selbsthilfegruppen Kreis Olpe e. V. und Mitarbeiterin der Selbsthilfekontaktstelle des Deutschen Roten Kreuz, Olpe sowie Gruppenleiterin der Selbsthilfegruppe Depression, Angst und Panikerkrankungen.

Johannes Schmitz, Geschäftsführer der Kath. Hospitalgesellschaft Südwestfalen und Stefan Spieren, als Vertreter der niedergelassenen Ärzte im Kreis Olpe eröffneten mit ihren Referaten die Veranstaltung und stellten als gute Nachricht die engere Zusammenarbeit zwischen Krankenhaus und niedergelassenen Ärzten im Kreis Olpe in Aussicht um die Sektorengrenzen aufzuweichen. Die Bevölkerung wird älter und damit einher gehen häufigere Arztbesuche und öfter notwendige Operationen. Damit alle Leistungen zur Gesundheitsversorgung erbracht werden können, werden spezialisierte Beschäftigte in den Krankenhäusern benötigt, erläuterte der Geschäftsführer der Kath. Hospitalgesellschaft Südwestfalen, Johannes Schmitz. Leider werden mancherorts ganze Stationen in Krankenhäusern geschlossen, weil qualifiziertes Personal fehlt. Das ist zum Glück bei uns noch nicht das Szenario. Die Krankenhäuser versuchen zum Teil mit teuren Stellenausschreibungen in Fachzeitschriften ihren Bedarf an potenziellen Fachkräften zu decken. Leider ist das Krankenhaus für viele ein unattraktiver Arbeitsplatz, mit Arbeitszeiten an den Wochenenden. Die Beschäftigten in Krankenhäusern müssen in ihren Berufen mehr soziale Anerkennung erfahren und sie brauchen attraktivere Modelle für ihre Arbeit. Gut ausgebildete Menschen in der Krankenpflege haben heute mehr Kompetenzen und können mehr Aufgaben übernehmen als früher. Ärzte dürfen mehr delegieren.

Das Schleifen der Sektorengrenzen durch mehr Kooperationen ist das wichtigste Anliegen von Johannes Schmitz. Der Bedarf an offenen Stellen wird im Kreis Olpe überwiegend aus der Fachschule für Gesundheitshilfe gedeckt. Die Suche nach einem qualifizierten Oberarzt hingegen kann bis zu einem Jahr dauern, sagte Johannes Schmitz. Mit der Fachschule und dem dort hohen Ausbildungsengagement ist der Standort gefestigt und der Kreis Olpe gut aufgestellt. In ihrer Entwicklung hat sich die Fachschule kontinuierlich an den Bedarfen der Region orientiert. So wurde beispielsweise eine Abendschule eingerichtet. Zurzeit gibt es 300 Auszubildende in Pflegeberufen und die Kapazitäten sind erweiterbar, sagte Schulleiter Wolfgang Fischbach. Auch die Überalterung der Ärzteschaft spielt eine Rolle. Hausarztpraxen finden keine Nachfolger. Ärzte im Kreis Olpe sind überwiegend älter als 60 Jahre. „Die Uni Siegen setzt auf ein Modell in Zusammenarbeit mit Lehrpraxen, vergisst aber dabei, dass aufgrund ihres erhöhten Alters Ärzte überhaupt nicht ausbilden wollen“, erklärte Stefan Spieren. Ärztinnen stehen aufgrund von Familienarbeit nicht immer in Vollzeit zur Verfügung. Stefan Spieren rät dazu an die Bürgermeister, Ortsvorsteher und politisch Verantwortliche zu appellieren, denn sehr viel hängt in unserer Region an der Infrastruktur, am ÖPNV, an der Mobilität von Alten und Jungen, an bezahlbaren Bauplätzen, an Kita- und Betreuungsplätzen, am Arbeitsplatz für den Partner. Wenn das Angebot nicht stimmt, hat unsere schöne ländliche Umgebung keine Anziehungskraft für potentiell Zuziehende. Waldemar Radtke von der AOK Rheinland/Hamburg lobte das Deutsche Gesundheitssystem als eines der besten. Die Strukturen in der Region müssen dafür Sorge tragen, Menschen in der Lage zu versetzen hier älter zu werden. Er stellte die Frage in den Raum, ob es perspektivisch die richtige Entwicklung gewesen sein, den Arbeitgeberanteil der Krankenversicherung festzuschreiben. Für notwendige Investitionen fehlen in NRW 1,5 Mrd. Euro.

Selbsthilfegruppen sind ein wichtiger Bestandteil im Gesundheitsbereich, erläuterte Petra Weinbrenner-Dorff. Jede zweite Krankschreibung beruht auf einer psychischen Erkrankung. Im Kreis Olpe sind 36 Therapeuten und 2 Neurologen angesiedelt. Wer die Hilfe eines Psychotherapeuten in Anspruch nehmen möchte, muss mit langen Wartezeiten von über einem Jahr rechnen. Auf 5.873 Patienten kommt im Kreis Olpe ein Psychotherapeut. Die extreme Unterversorgung ist bundesweit ein Problem. Die Bedarfsgrenze muss erhöht werden. Hier ist die Politik gefragt.

Die Beitragssatz zur gesetzlichen Krankenversicherung dürfe nicht steigen, unterstrich MdB Burkhard Blienert. Mit der SPD steht er für ein Zurück zur paritätischen Finanzierung der Krankenkassen, um wieder zu einer fairen und gerechten Regelung zu kommen. Die Debatte um den Risiko-Strukturausgleich werde in den nächsten Jahren kommen. Der demografische Wandel ist nicht nur eine Herausforderung in Bezug auf die Rente, sondern auch im Gesundheitswesen. Pflgepersonal muss Beruf und Privates verbinden können. Kita-Plätze, Ganztagsbeteuung für Kinder, das eine schließt das andere ein. Die Telemedizin ist ein Weg einem gewissen Mangel entgegen zu treten. Christian Pospischil, Attendorns Bürgermeister, berichtet, einen Gesundheitforum ins Leben gerufen zu haben, wo ein Austausch stattfindet zwischen den Akteuren der Stadt, damit Handlungsbedarf frühzeitig identifiziert werden kann und auch das Umfeld wird attraktivgestaltet.

In einer lebhaften Diskussion mit den Veranstaltungsteilnehmern wurde klar, dass nur ein gemeinsames und praxisorientiertes Denken verschiedener Akteure im Gesundheitswesen dem Patienten nützt. Zu viele Institutionen und zu viele Krankenkassen wären ein Grund der Unübersichtlichkeit. Eine staatliche Regulierung wäre in nächster Zeit notwendig. Der Anreiz der ärztlichen Niederlassung müsse durch Verbesserung der Niederlassungsrahmenbedingungen wie Entbürokratisierung und weniger Reglements z.B. in der Medikamentenbudgetierung erfolgen. Zur Attraktivitätssteigerung der Pflegeberufe brauche es neben einer guten Entlohnung auch die Schaffung günstiger kommunaler Strukturen im öffentlichen Nahverkehr, bezahlbarem Wohnraum, Betreuungsangebote für Kinder und pflegebedürftige Angehörige. Die Pflegeberufe sollten auch in Entscheidungsgremien wie dem Gemeinsamen Bundesausschuss vertreten sein, forderte Wolfgang Fischbach. Die hochkarätige Gruppe der Referenten stand dem Publikum auch im Anschluss der Veranstaltung noch zur Verfügung.

Weitere Informationen unter www.nezahat-baradari.de

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