„Rx-Boni-Urteil“: Attendorner Apotheker schlagen Alarm

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Attendorner Apotheker schlagen Alarm
Bei einem Gespräch vor einigen Tagen informierten die beiden Attendorner Apotheker Christian Springob und Dr. Lukas Peiffer Bürgermeister Christian Pospischil (von rechts) über die die Apothekenversorgung vor Ort.

Nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofes, ausländischen Versandapotheken das Recht auf Boni-Leistungen auf verschreibungspflichtige Arzneimittel einzuräumen, sehen sich die heimischen Apotheker in ihrer Existenz bedroht.

Bei einem Gespräch mit Bürgermeister Christian Pospischil vor einigen Tagen informierten die beiden Attendorner Apotheker Christian Springob und Dr. Lukas Peiffer über die möglichen Auswirkungen auf die Apothekenversorgung vor Ort.

Am 19. Oktober 2016 hatte der Europäische Gerichtshof mit dem „Rx-Boni-Urteil“ (Rx = verschreibungspflichtige Arzneimittel) ausländischen Versandapotheken zugesprochen, auf verschreibungspflichtige Arzneimittel Rabatte zu gewähren, die die inländischen Apotheken vor Ort nicht gewähren dürfen. Damit wurde das bisherige Boni-Verbot, welches sicherstellte, dass der Patient sein Arzneimittel jederzeit und überall ohne Preisvergleich mit der gleichen Qualität und Beratung erhielt, gekippt.

Seit Verkündung des Urteils bietet insbesondere ein Unternehmen mit Sitz in Holland mit reichlich Präsenz im deutschen Werbefernsehen große Rabatte beim Online-Medikamentenkauf an.

Sehr zum Unmut der Apotheker vor Ort. Christian Springob und Dr. Lukas Peiffer: „Diese Entwicklung ist brandgefährlich für die derzeit noch bestehende flächendeckende Versorgung durch uns Vor-Ort-Apotheken. Abgesehen davon, dass wir inländischen Apotheker keine Boni gewähren dürfen, ist es aufgrund der gesetzlichen Aufgaben einer inländischen Apotheke auch finanziell nicht möglich, überhaupt Boni zu gewähren. Strenge Auflagen fordern das ständige Vorrätighalten von Notfallmedikamenten mit dem damit verbundenen Risiko des Verfalls der Ware. Auch Betäubungsmittel mit hohem dokumentarischem Aufwand sind nur in einer Apotheke vor Ort zu bekommen.

Doch nicht nur diese Ungerechtigkeit sorgt für reichlich Bauchschmerzen bei den beiden jungen Attendornern, die jeweils die elterlichen Apotheken übernommen haben und diese nun bereits in zweiter (Springob) bzw. siebter (Peiffer) Generation weiterführen: „Gerade wir Landapotheken leben von einem Rx-Anteil um die 70 bis 80 %. Das ist das Rückgrat, welches den Apothekenbetrieb sichert, ähnlich dem ärztlichen Honorar. Die Rahmenbedingungen der letzten Jahre haben sich zugunsten der Krankenkassen derart verändert, dass hier kein wirtschaftlicher Spielraum mehr vorhanden ist. Daneben übernehmen wir viele Tätigkeiten, die dem Gemeinwohl dienen, wie dem flächendeckenden Notdienst, der meist taggleichen Versorgung der Patienten oder dem Anfertigen von Individualrezepturen wie Salben, Lösungen, Sprays oder Kapseln, die meist von den Online-Versendern abgelehnt werden. Auch die Versorgung von Senioren- und Pflegeheimbewohnern mit den damit verbundenen Schulungen des Pflegepersonals und der Überprüfung der Arzneimittelvorräte ist nur durch die lokale Apotheke möglich.“

Zudem seien die Apotheken im Ort die Anlaufstelle für alle Fragen und Probleme mit kostenfreier und fachmännischer Beratung sowie die nächste und oftmals letzte Instanz des Patienten nach dem Arztkontakt und damit mitverantwortlich für die richtige Anwendung und Dosierung der verschriebenen Medikamente.

Für Christian Springob und Dr. Lukas Peiffer steht fest: „Die 20.000 Apotheken, die es derzeit in Deutschland vor Ort gibt, arbeiten vernünftig, aber sehen sich nun einer großen existenziellen Gefahr ausgesetzt. Ein bisher gut funktionierendes System wird durch diese Inlandsdiskriminierung ohne Not zerstört. Daher fordern wir von der Politik ein klares Bekenntnis zum deutschen Apothekenwesen und ein Versandverbot von verschreibungspflichtigen Arzneimitteln.“

Christian Pospischil hob die gute Versorgung der Hansestadt durch die heimischen Apotheker hervor und sicherte seine Unterstützung zu. So wolle er die Bevölkerung sensibilisieren und darüber hinaus dieses wichtige Thema auf Landes- und Bundesebene ansprechen. Attendorns Bürgermeister: „Niemand kann und will den Onlinehandel verbieten. Aber jeder, der Medikamente online bestellt, sollte sich bewusst sein, dass damit die Apotheke vor Ort und ihr Service geschwächt und damit auch gefährdet wird.“

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