Erinnerungskultur hautnah erleben

„Geschichte ist doch Vergangenheit und Gegenwart ist Gegenwart“ – solche Aussagen hört man als Geschichtslehrer relativ häufig, nicht nur von Schülern.

Gerade an diesem Punkt setzt die Erinnerungskultur an, die nur aus der Perspektive der Gegenwart auf die Vergangenheit verständlich wird. Geschichte ist nicht einfach das Ergebnis von historischen Ereignissen, sondern die Geschichte wird erst durch unser Erinnern zu dem, was sie für uns ist.

Historisches Bewusstsein schaffen

Zeitgenossen hinterlassen Quellen, die von Historikern analysiert und interpretiert werden. Bei der Interpretation der Vergangenheit spielt immer das Denken der Gegenwart eine Rolle. So haben z.B. die DDR und die BRD die Geschichte des Nationalsozialismus anders aufgearbeitet und präsentiert, weil die Zielsetzung, was man mit der Geschichte erreichen möchte, eine andere war. Geschichte dient häufig als Legitimation für gegenwärtiges Handeln. Dadurch wird aus der bloßen Vergangenheit Geschichte, die aus unserer heutigen Zeit geschrieben wird.

Jeder von uns hat bestimmte Vorstellungen vom Ersten Weltkrieg, von den Gründen für den Ausbruch und der Frage nach der Kriegsschuld. Aber woher kommt diese Vorstellung bzw. Erinnerung? Sie wird „produziert“ und zwar gibt es ein kollektives Gedächtnis, das geprägt ist durch bestimmte Filme, aktuelle (populär)wissenschaftliche Bücher oder den Unterricht. Ohne unsere gegenwärtigen Denkstrukturen ist die Deutung von Geschichte jedoch nicht zu erklären. Aus diesem Grund wird Geschichte immer wieder neu gedacht und reflektiert.

Geschichte als Teil des eigenen Lebens

Jetzt kann man sich fragen, welche Relevanz das für den Unterricht des Faches Geschichte hat. „Die Schüler müssen doch erst einmal die Fakten kennen, bevor sie in den Prozess der Dekonstruktion von Geschichte einsteigen können!“ Ja, die Schüler müssen bestimmte Fakten kennen, aber sie müssen sie sogleich als veränderbar bzw. nicht absolut kennenlernen.  Nur durch diesen Blickwinkel, dass Geschichte veränderbar und ein Deutungskonstrukt der Gegenwart ist, wird Geschichte für die Lebenswelt der Schüler relevant. Dann kann Geschichte als Teil des eigenen Lebens erfahren werden.

Um diese Kompetenz eines historischen Bewusstseins zu erreichen, findet der Geschichtsunterricht am Rivius Gymnasium auch an besonderen historischen Lernorten statt, an denen den Schülern die unmittelbare Auseinandersetzung mit einzelnen Aspekten der Geschichte gewährt wird. Dazu machen sich die Leistungskurse der Q2 jedes Jahr auf den Weg nach Polen, um sich mit der Geschichte des Konzentrationslagers Auschwitz zu beschäftigen.

Diese Tage der Begegnung mit einem Erinnerungsort führen zu intensivem Nachdenken über das eigene Handeln und dazu, dass die Schüler sich als ein Teil der Geschichte sehen. Das heißt nicht, dass sie mit Schuldgefühlen nach Hause fliegen und das ist auch nicht das Ziel, aber das heißt, dass sie ihre Verantwortung für die bzw. in der Welt reflektieren oder mit Fritz Bauer gesprochen: „Wir können aus der Erde keinen Himmel machen, aber jeder von uns kann etwas tun, dass sie nicht zur Hölle wird.“

Das Interesse wächst

Die Grundkurse fahren genau aus diesem Grund nach Weimar, dort werden sie durch den Besuch des Konzentrationslagers Buchenwald ebenfalls mit einem Ort der Geschichte konfrontiert und treten in die ganz persönliche Auseinandersetzung mit dem historischen Ort ein. Darüber hinaus haben wir in diesem Schuljahr einen Vortrag von Rainer Eppelmann mit den Schülern besucht, um auch im Bereich der DDR Geschichte die Möglichkeit zum Austausch mit wichtigen Zeitzeugen zu bekommen.

Gerade durch diese Begegnungen wachsen bei vielen Jugendlichen das Interesse an der Geschichte und die Wahrnehmung davon, dass Geschichte auch etwas mit uns zu tun hat. So entstanden die Wünsche nach Gesprächen mit Historikern, die wir durch den Besuch eines Vortrags über Bismarck von Christoph Nonn oder den Geschichtsnachmittag mit Dr. Irmtrud Wojak aus München auch ermöglichen konnten. Auch der Besuch eines Konzerts der Auschwitzüberlebenden Esther Bejarano  in Köln oder Gespräche über unsere Wahrnehmung von und den Umgang mit Geschichte mit Gefangenen in der JVA erweiterten in diesem Jahr den Horizont der Rivianer.

Die Geschichte der eigenen Schule

Einen Schwerpunkt bildete außerdem die Auseinandersetzung mit der Geschichte der eigenen Schule, denn Fragen nach dem Verhalten der Schule in den beiden Weltkriegen und dem Ziel der Bildung in den verschiedenen Zeiten der letzten 500 Jahre entwickelten sich automatisch durch die Beschäftigung mit der Weltgeschichte. Durch das Produzieren von eigenen Forschungsergebnissen waren die Schüler direkt Teil der Erinnerungskultur, nicht nur ihre Rezipienten.

Was kann man sich mehr wünschen, als Schüler, die sich durch die Begegnung mit der Geschichte als Teil dieser wahrnehmen und nicht beim Erinnern in der Gegenwart stehen bleiben, sondern ihr Handeln, auch für die Zukunft, überdenken? Gerade in dieser politisierten Zeit sind solche Begegnungen viel Wert.

Text: Wiebke Boecker


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