In einer heißen Phase der Diskussion um den Erhalt des Alten Bahnhofs Attendorn, verbreitet sich in den sozialen Medien insbesondere ein Leserbrief, der auch uns erreichte und den wir hier noch einmal zur allgemeinen Diskussion stellen möchten …

Der Autor des Briefes, Achim Gandras – Mitglied des Vorstandes des Vereins für Orts- und Heimatkunde, möchte auch schon jetzt in Namen der „Initiative für den Erhalt des alten Bahnofs“ einladen, den Informationsstand beim Stadtfest in Attendorn am Samstag, den 5. oder Sonntag, den 6. September zu besuchen.

Dort können Sie sich umfassend über das neue Konzept zum Erhalt des Bahnhofs bei einem Pläusschken, frischen Waffeln und einem Kaffee informieren und Ihre Stimme dafür abgeben, dass der Bahnhof erhalten bleibt. Den Stand finden Sie an beiden Tagen in der Ennester Straße zwischen der Buchhandlung Hoffmann und dem Einrichtungshaus Haberkamp.

Attendorn - Unser schöner alter BahnhofHier der Leserbrief:

Banausen haben keine Ahnen

Politik ist ein schmutziges Geschäft. Versöhnlich verbrämt durch die fromme Legende vom Kompromiss, jedoch unterwandert von Begehrlichkeiten, die der Öffentlichkeit verborgen bleiben. Hilflos agieren die Offiziellen, die sich nach und nach Mechanismen zu unterordnen haben, an denen ihr ursprünglicher Idealismus, falls je vorhanden, zerbrechen muss. Fazit ist der Profit, Idealismus wird hinter verschlossenen Türen eben als weltfremd belächelt und leichten Herzens verworfen. Ich bin kein politischer Mensch, und ein Taktierer bin ich auch nicht. Das wird mir gewiss bald zum Verhängnis werden, weil ich in diesen Sphären nicht kommunizieren will und kann: egal.

Der Attendorner Bahnhof wird nach 140 Jahren abgerissen. Das ganze Geschwätz, weshalb er nicht zu retten sei; es widert mich an. Kippen wir den Schutt unserer Vorfahren doch auf den Haufen in Ennest, wo der Aushub des Feuerteiches zum Lärmschutzwall planiert wurde. Kommerziell von privaten Archäologen im Auftrag der Stadt abgenickt, die nicht einmal auf eine Mail antworten, weil man in zehn Minuten der sporadischen Lese Scherben aus mutmaßlich acht Jahrhunderten der Stadtgeschichte gefunden hat. Davor die ausgefrästen Stümpfe der abgesägten Bäume vor der Sonnenschule, die nach über 70 Jahren im Weg waren, obwohl die aktuelle Baustelle die Wurzeln nicht ansatzweise erreicht.

Jetzt soll die Kultur in die alte Post ziehen. Der arme Bürgermeister hat es in seiner Not, denn das System hat ihn längst gefressen, mit verzweifelter Sehnsucht nach Ausgleich veröffentlicht. In dieses sterile Gebäude, an das man sich vor allem erinnert, weil man um 16.59 Uhr unterm schlecht kaschierten Reichsadler der Fassade einen grauen Vorhang vor die Nase gezogen bekam. Welche Seele soll sich dort entfalten? Und was hat das mit der Bedeutung des Bahnhofs zu tun, der auch ohne jedes Kulturprogramm ein großes Erbe ist? Das Entree zur Stadt, das Symbol des Wiederaufstiegs, als Attendorn 1875 endlich wieder konkurrenzfähig wurde, mit Anschluss an die große weite Welt? Der ganze Raum der Gastwirtschaft atmet die Wärme von damals, als Gastwirt Johann Halberstadt, Regionalvertreter der Hansa-Brauerei, für eine gute Einkehr sorgte.

Banausen haben keine Ahnen. Reißt ihn ab und pflastert ein behindertengerechtes Toilettenhäuschen auf den entstehenden Parkplatz.

Doch so wird es nicht kommen. Die Verwaltung wird ihren längst unter der Hand entschiedenen Plan entfalten, was ich vermute. Wir werden ja erleben, welches Gebäude, eben längst geplant, dort entstehen wird. Ein seelentoter Zweckbau, der auf den letzten Kubikmeter berechnet sein wird. Ich habe nichts zu entscheiden, und sicherlich gibt es genug Angriffspunkte, meinen Standpunkt rhetorisch gewieft anzugehen. Bewährte Kräfte und Formulierungen werden allen Protest solide verschleifen, zur Not mit der augenscheinlichen Lüge, das Gebäude des alten Bahnhofs sei zu baufällig, um es zu erhalten.

Ich fordere den Bürgerentscheid. Wer fordert ihn mit?

In zwanzig Jahren werden unsere Nachfahren uns hassen für die ignorante Dummheit, nach 140 Jahren ein so elementar wichtiges Gebäude der Attendorner Stadtgeschichte noch im 21. Jahrhundert als Schutthaufen neben Klosterkirche und mittelalterlicher Biggebrücke abgekippt zu haben.

Achim Gandras
(Anschrift der Redaktion bekannt)

Biggebrücke-Attendorn
Was für ein Bauwerk! Vollkommen unnötig wurde die Jahrhunderte alte Biggebrücke vor dem Attendorner Wassertor erst 1955 abgerissen! Was wäre das heute für ein Hingucker! Die Brücke wäre in jedem Reiseführer zu Westfalen zu finden, wetten?
Alter Bahnhof Attendorn
Das Foto aus der Kaiserzeit zeigt den schmucken Bahnhof voll verschiefert. In seinen besten Zeiten arbeiteten hier bis zu 120 Bedienstete! Droht ihm jetzt das selbe Schicksal wie bereits anderen erhaltenswerten Bauwerken in Attendorn?

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