Podiumsdiskussion am St.-Ursula-Gymnasium 2012„Wen soll ich wählen?“ – Unter diesem Motto stand am 7. Mai eine Podiumsdiskussion, zu der das Attendorner St.-Ursula-Gymnasium die sechs Landtagskandidaten des Wahlkreises Olpe eingeladen hatte. Neben dem langjährigen Titelverteidiger Theo Kruse (CDU) standen seine Herausforderer Reinhard Jung (SPD), Fred Josef Hansen (Grüne), Joachim Hoffmann (FDP) und Willi Hempelmann (Piraten) einem Schülerteam Rede und Antwort. In Vertretung der linken Kandidatin Tanja Losse nahm zudem die bisherige Fraktionsgeschäftsführerin der Linken im Landtag, Özlem Demirel, an dem Gespräch teil.

Eigentlich hätte man meinen können, dass in der Diskussion die Fetzen fliegen würden; schließlich befanden sich alle Politiker im Wahlkampf-Endspurt und hatten sich entsprechend zu profilieren. Stattdessen übten sich die Gäste jedoch über weite Strecken der Veranstaltung in Harmonie und gepflegtem Wattebausch-Werfen.

Podiumsdiskussion am St.-Ursula-Gymnasium 2012

Schon zu Beginn der Diskussion vor den etwa 400 jugendlichen Zuhörern herrschte unerwartete Eintracht. Alle Kandidaten beklagten die (zu) hohen Staatsschulden und erklärten, diese mittelfristig abbauen zu wollen. Dass der CDU-Kandidat die Verantwortung für die Schulden bei der derzeitigen NRW-Regierung suchte, der SPD-Kandidat hingegen vehement auf die Vorgänger-Regierung verwies, verstand sich dabei von selbst. Fred Josef Hansen (Grüne), studierter Forstwirt, sprach sich in diesem Zusammenhang für das Prinzip der Nachhaltigkeit aus: „Man darf nur so viel Holz im Wald nutzen, wie auf natürlichem Weg wieder nachwächst.“ Ebenso dürfe man in der Wirtschaft nur so viel Geld ausgeben, wie man an Steuern wieder hereinhole.

Auf die Frage der Schüler, wo man denn konkret einsparen könne, gingen die Antworten der Politiker in unterschiedliche Richtungen. Während Joachim Hoffmann (FDP) „viele Felder“ im Allgemeinen und den Abbau der Ministerialbürokratie im Besonderen nannte und Willi Hempelmann (Piraten) ebenfalls für einen „schlanken Staat“ plädierte, forderte Özlem Demirel (Linke) eine Veränderung der Steuerpolitik zu Lasten der Vermögenden und der Banken, um zusätzliche Staatseinnahmen zu erzielen.

Auf die Frage, wie sie zu der neuen Piratenpartei stünden, zeigten sich die Politiker der etablierten Parteien erstaunlich gelassen. Selbstverständlich, so SPD-Mann Jung, hätten die Piraten das Recht, ihre Ideen politisch einzubringen. Selbst die Vorhaltung, diese neue Gruppierung ziehe seiner Partei doch etliche Wählerstimmen ab, brachte ihn nicht aus der Fassung: Das sei doch ein ganz normaler demokratischer Vorgang. FDP-Vertreter Hoffmann bemühte ein Bild aus der Seefahrt: Piratengewässer brauche man nicht zu meiden, wenn man sich effizient gegen die Freibeuter aufstelle. Die Linke Özlem Demirel wünschte sich gar eine fruchtbare gemeinsame Oppositionsarbeit mit den Piraten im zukünftigen Landtag. Einzig Fred Josef Hansen (Grüne) äußerte Bedenken gegen „eine Partei, die stabile Mehrheiten in den Landtagen verhindert und auf viele Fragen noch keine Antworten hat“.

Möglicherweise übten sich die Vertreter der Etablierten auch deshalb in Zurückhaltung, weil sie im Falle zu scharfer Kritik an den Piraten Negativ-Reaktionen des jugendlichen Publikums befürchteten. Diese Sorge war nicht unbegründet. Gleich zu Beginn der Veranstaltung war der Kandidat der Piraten – im Gegensatz zu den anderen Gästen – von den Zuhörern mit frenetischem Applaus begrüßt worden, ohne dass er auch nur einen Satz gesagt hatte. Dass die Piratenpartei die erklärte Favoritin vieler Jugendlicher war, zeigte dann auch eine Probeabstimmung, die im Verlauf der Diskussion im Saal durchgeführt wurde. Demnach votierten knapp 35 Prozent der Jungwähler für die Piraten, der traditionelle Wahlsieger Kruse (CDU) musste sich mit 28,5 Prozent zufrieden geben, die Grünen erhielten 15, die SPD 11, die Linke 4,3 und die FDP lediglich 3,6 Prozent der Stimmen.

Dass dieses Votum freilich nur eine Momentaufnahme war, zeigten einige Schülerreaktionen nach der Veranstaltung. Insbesondere die volljährigen Oberstufenschüler äußerten, dass die Piratenpartei wohl „überbewertet“ worden sei.

Nach Ansicht vieler Zuhörer konnten besonders die Vertreterin der Linken und der grüne Wahlkreiskandidat punkten. Insgesamt überwog jedoch die Kritik der Jugendlichen an den Politikern. Zum Teil seien die Antworten zu „plakativ“, zu „klischeelastig“ oder zu „beliebig und austauschbar“ gewesen. Die Schüler machten dies an der „Feenfrage“ fest, die seit Jahren unabdingbarer Bestandteil politischer Befragungen am St.-Ursula-Gymnasium ist: Welches Ziel ein Politiker sofort verwirklichen würde, wenn ihm die gute Fee einen entsprechenden Wunsch erfüllte.

Während Özlem Demirel (Linke) sich „eine friedliche Welt“ wünschte, hatte Theo Kruse (CDU) eher ein Nahziel vor Augen: nach der NRW-Wahl eine stabile Landesregierung. Joachim Hoffmann (FDP) brachte den Freiheitsgedanken ins Spiel, Reinhard Jung (SPD) „Gesundheit, Frieden und Freiheit“, Willi Hempelmann (Piraten) mehr Bürgerbeteiligung. Dem Höhepunkt der Veranstaltung trieb dann Fred Josef Hansen mit der Aussage zu, er wünsche sich, „dass wir alle für den Rest unseres Lebens viel Spaß haben“.

Man konnte förmlich spüren, wie sich die gute Fee daraufhin unter dem Gelächter des jungen Publikums aus dem Saal entfernte.

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