Die Attendornerin Linda Wicker unterstützt zur Zeit ein soziales Projekt der Organisation „Dry Lands Project e.V.“ in Sri Lanka. Sie arbeitet dort in einem Kinderheim und gibt den Kindern u.a. Nachhilfe in Englisch. Für uns berichtet Linda Wicker über Ihren Aufenthalt in Sri Lanka, die wochenlangen Planungen und Ihre Eindrücke.

„Kommen und Gehen – Willkommen und Verabschieden“

Ich bin angekommen! Wochenlange Planungen, organisatorische Vorüberlegungen, aufbauende Erwartungshaltung, Angstbewältigungsstrategien für meine Mama, ausgiebige Erklärungen warum, wieso, weshalb ich nach Sri Lanka gehe, haben nun ein Ende, da ich seit genau einer Woche in Marawila lebe. Was ich ziemlich erstaunlich finde, da mir die Zeit nicht so lang vorgekommen ist. Der Grund dafür ist wahrscheinlich, dass ich hier herzlich in Empfang genommen worden bin, der Start keinerlei Schwierigkeiten mit sich gebracht hat und ich mich einfach nur wohl fühle…

Achini + Linda
Rechts im Bild: Linda Wicker

Nachdem ich den ersten Hitzeschlag, als ich meine Füße auf singhalesischen Boden stellte, überwältigt hatte, entwickelte sich meine Stimmung wieder schnell zu dem Gefühl der unglaublichen Vorfreude, die sich während meines rund 10 stündigen Fluges in mir aufstieg, dieses Glücksgefühl hatte, meiner Meinung nach, bei der Landung seinen Höhepunkt. Leichte Bedenken traten in der Empfangshalle des Flughafens von Colombo auf, als ich ununterbrochen singhalesische Taxi und Tuk-Tuk Fahrer abweisen musste, da ich von der Projektleiterin Julia Fischer abgeholt werden sollte. Aber nicht nur Julia, sondern mir ihr drei der etwas älteren Kinder aus dem „Angels Home for Children“ haben die Fahrt zum Flughafen auf sich genommen. Heute stand jedoch nicht nur meine Ankunft sondern auch der Geburtstag eines der Kinder auf dem Programm. Shakina feierte an diesem Tag ihren 13. Geburtstag und durfte mich als Überraschung mit zwei weiteren Kindern abholen. Unterwegs gab´s zusätzlich eine Kleinigkeit zum Naschen und für mich Wasser, das ich bei der ungewohnten Temperatur und hohen Luftfeuchtigkeit dringend nötig hatte…

Die ersten Bilder Sri Lankas prasselten auf dem Weg nach Marawila auf mich ein: sehr belebte Straßenränder mit Singhalesen und noch belebtere Straßen mit allerlei motorisierten Fortbewegungsmittel, die kontinuierlich versuchen sich gegenseitig zu überholen und ununterbrochen dabei hupen; dann endlich die etwas holprige Bowatta Temple Road, die zum schönsten Bild am Tag meiner Ankunft führte: beim Eintreffen des Vans im Angels Home kamen aus allen Ecken 15 weitere süße Mädels zusammen gerannt um mich mit den zwei weiteren Praktikantinnen zu begrüßen. Just in diesem Moment wusste ich, dass sich das oben beschriebene Glücksgefühl noch steigern lässt!

Die ersten Tage vergingen wie im Flug und ich fand mich dank der Hilfe von Lisa und Caro, den anderen Praktikantinnen, sowie den hilfsbereiten Angestellten sehr schnell im Angels Home zu Recht. Meine Bedenken bei den Kindern bezüglich Distanz und Zutraulichkeit waren völlig unberechtigt und verflogen in wenigen Stunden. Das Kennenlernen der Kindern wurde mir aufgrund der momentanen Ferien erleichtert. Wenn es heißt nächste Woche die Namen und Gesichter von 50 Kindern wissen zu müssen, so muss ich mich jetzt erst an ca.
20 Kinder gewöhnen. Zum gegenseitigen Kennenlernen gibt es jetzt auf jeden Fall genügend Zeit; aktuell bin ich die einzige Praktikantin vor Ort. Nachdem Caro am Samstag Reisen gegangen ist, mussten wir leider am Wochenende Lisa verabschieden. Parallel zu all den neunen Eindrücken, die ich erfahren durfte, musste sich Lisa von den Kindern verabschieden – dafür lernten die Kinder einen selbst gebackenen Apple-crumble kennen, den sie mit Lisa gebacken haben. Dennoch war das Gefühl von Kommen und Gehen sowohl bei uns Praktikantinnen als auch bei den Kindern zu spüren. Man geht niemals so ganz; dennoch musste sich Lisa von der Zeit in Sri Lanka verabschieden und ich heiße sie willkommen!!!

Magä name Linda sind meine ersten Wörter, die ich auf Singhalesisch verstehe und sagen kann. Die Mädels aus dem Angels Home haben mir diese Wörter sehr geduldig und aufgeregt beigebracht. Große Neugierde und Interesse an neuen Praktikantinnen sowie an neuen Geschichten, die diese aus Germany mitbringen, kennzeichnet die Persönlichkeit der Kinder im Angels Home. Sehr wissbegierig fragen viele nach deutschen Eigenschaften, interessieren sich für die Namen meiner Familie oder für deutsche Übersetzungen von pineapple, mango, tree house oder swing und lachen anschließend ausgiebig über die deutsche Aussprache…

Einhergehend mit großen strahlend lächelnden Augen der Mädels schlägt mein Herz in solchen Momenten etwas höher. Viele dieser unfassbaren Augenblicke habe ich schon in meinen ersten Tagen auf Sri Lanka erleben dürfen und freue mich auf weitere so wundervolle Erfahrungen…

Singhalesisches und Tamilisches Neujahr

Im April wird anhand der Planeten über Sri Lanka das Datum des buddhistischen und hinduistischen Neujahrs bestimmt. Das diesjährige Neujahrsfest in Sri Lanka fand am 13. und 14. April statt. Nach alter Tradition beginnt ein Sri Lanker den Jahreswechsel mit einem letzten intensiven Bad, um das neue Jahr gereinigt zu beginnen. Bis zum Neujahr darf nur der Körper gewaschen werden; die Haare werden ausgespart. In der Nacht auf den 13. April startet die Punyakalaya; das ist die Zeit, in der die Buddhisten und Hinduisten alle Tätigkeiten und vor allem ihre Arbeit bis zur darauf folgenden Nacht einstellen. Am Tag des Neujahrs selbst finden zahlreiche Rituale statt. Viel wichtiger als das alte Jahr zu beenden, scheint mir der Start in das neue Jahr zu sein: eine erste Kopfölung, ein Milchreisfrühstück sowie der erste Arbeitstag decken nur wenige der traditionellen Vorgaben ab, die zu einem glücklichen und zufriedenen Gefühl eines jede Buddhisten und Hindu führen sollen.

Wie bereits in meinem letzten Artikel erwähnt, durfte ich am vergangenen Samstag an dem Neujahrsfest im Angels Home for Children teilnehmen. Die Feiertage des 13. und 14. Aprils haben viele des Personals genutzt ihre in Sri Lanka lebenden Familien zu besuchen, um dort das Fest nach singhalesischen und tamilen Traditionen zu zelebrieren. Aufgrund der Bedeutsamkeit des Festes lag es ihnen aber am Herzen die Feierlichkeiten mit den Kindern im Heim nachzuholen. Mehrere Tage wurden dafür beansprucht um den Ablauf, die Dekoration auf dem Grundstück sowie die Aufgabenverteilung zu bestimmen. Am Wichtigsten war ihnen dabei, dass alle Kinder den Tag mit viel Freude und Spaß in Erinnerung behalten sollten.

Selbst in Sri Lanka hätte fast das Wetter noch Einfluss auf das Fest gehabt. Die momentan mehr oder weniger einsetzende Regenzeit lässt keine Beständigkeit zu. Vielmehr muss man kontinuierlich mit einem Gewitter einhergehend mit einem kräftigen Regenschauer rechnen. Am Samstag lag das Glück auf der Seite des Angels Homes. Strahlender Sonnenschein erleichterte den Kindern das Aufstehen und das Erledigen der letzten Aufgaben; mit viel Freude wurde selbst die Schaukeln mit einer bunten Blütenpracht dekoriert. Kurz vor Festbeginn gilt es für eine singhalesische Frau sich selbst in Schale zu werfen. Keines der Mädchen sah noch so aus wie zuvor: alle trugen ihre besten Kleider, waren von Schmuck und Schminke bedeckt und wirkten alle wie bildhübsche junge Frauen.

Zahlreiche Spiele trugen zu einem gelungenen Tag bei. Aufgrund der Altersdifferenz der Kinder wurden die Mädchen nur bestimmten Spielen zu geordnet, so dass sie alle abwechselnd aktiv waren. Falls sie bei einem Spiel nicht dabei waren, feuerten die Übrigen kräftig die am Spiel beteiligten Mädchen an.

Großes Lachen und viel Freude erzeugte ein mir bisher unbekanntes Spiel. Mehrere Tonkrüge, mit unterschiedlichen Flüssigkeiten gefüllt, hingen an einem, zwischen zwei Palmen gespanntem Seil, ungefähr auf Augenhöhe herab. Mit verbundenen Augen, einem Stock in der Hand sowie eine durch zu voriges Drehen entstandene Orientierungslosigkeit hatte man die Aufgabe sich gefühlsmäßig möglichst nah den Tonkrügen zu nähern. Ziel war es dort einen der Tonkrüge kaputt zu hauen. Auf der einen Seite stand die teilweise völlige Ahnungslosigkeit und Orientierungslosigkeit der blinden Spielerin und auf der anderen Seite die Gespanntheit und Aufregung der anfeuernden Zuschauern, falls sich die Spielerin gekonnt den Krügen näherte. Beide Anlässe sorgten für eine überragende Stimmung und erzielten große Begeisterung bei den Festteilnehmern. Ich selbst lernte beim Erproben meiner Orientierung und Zielgenauigkeit die Schwierigkeit dieses Spiels kennen. Ich entwickelte großen Respekt davor, dass die Tonkrüge nicht nur korrekt und zielstrebend anvisiert, sondern zwei Mal sogar getroffen wurden. Bei aller Aufregung sprang dabei dann auch noch eine Kröte aus dem zerbrochenen Krug. Ich habe das, ohne nachzufragen, einfach mal als traditionelle Überraschung angesehen habe…

Weitere Spiele, bei denen auch mir aus Deutschland bekannte Aufgaben dabei waren, füllten den restlichen Tag: Sackhüpfen, Wettessen, Eierwerfen, Hindernisrennen, Eierweitwurf sowie um die Wette Luftballons zum Zerplatzen bringen sind nur ein paar erwähnenswerte. Besonders hervorheben möchte ich die Leistung von Padmini beim Luftballon aufblasen. Padmini war bemerkenswert diejenige, die am meisten und am schnellsten Luft aus ihrer Lunge in den Ballon geblasen hat. Leider hat sie bei der großen Anzahl von Luftballons keinen 0/8/15 Luftballon erwischt, sondern einen Markenballon aus Deutschland ?. Sie hatte nach wenigen Sekunden den Luftballon gefüllt, aber er wollte und wollte einfach nicht platzen… Andere Kinder hatten es bei der Wahl des Ballons günstiger getroffen und erzielten schneller das Zerplatzen des Ballons. Padmini konnte die Situation nicht wirklich einschätzen und pustete bis ins Unermessliche weiter Luft in ihren Ballon. Am Ende musste sie zwar geschlagen aufgeben, aber für uns blieb sie die Siegerin der Herzen…

Nach einem kräftezerrendem und sehr knappem Tauziehen zwischen dem Personal und den älteren Mädchen, sorgte eine Misswahl, bei der ich in der Jury sitzen durfte, für ausreichend Abwechslung. Sowohl 5 jüngere als auch 5 ältere Mädchen rangen durch ihren Auftritt, der nach mehreren Kategorien von uns beurteilt wurde, um den Titel. Am Ende wurde jedoch nur die Beste beider Gruppen prämiert. Auch alle anderen Leistungen des Tages wurde in einer Abschlusszeremonie am späten Nachmittag geehrt. Dadurch wurde das Neujahrsfest im Angels Home mit großer Zufriedenheit aller Beteiligten beendet. Für die Mädchen und auch für mich war es ein unvergesslich tolles aber auch sehr anstrengendes Neujahrsfest 2012!

 

Weitere Informationen über die Organisation „Dry Lands Project e.V.“ erhalten Sie unter www.dry-lands.org

 

 

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