Konfrontiert mit den Widrigkeiten des Alltags

Rollstuhlprojekt St. Ursula Gymnasium: Klasse 5bEinen besonderen Anblick bot kürzlich die Klasse 5b des Attendorner St.-Ursula-Gymnasiums. Drei Vormittage lang verbrachten jeweils neun Schüler ihre Unterrichtszeit in Rollstühlen, um die Schwierigkeiten von Menschen mit Handikap kennenzulernen. Auslöser für das Projekt war die gemeinsame Lektüre eines Jugendbuchs, in dem ein gelähmter Junge die Widrigkeiten des Alltags meistern muss.

Mit diesen Widrigkeiten wurden auch die Fünftklässler konfrontiert. Schon der Aufenthalt im Klassenraum bedurfte sorgfältiger Planung. „Wir mussten uns genau überlegen, in welcher Reihenfolge wir hineinfuhren“, so Nico (11), „denn drinnen hätten wir wegen der Tische nicht mehr aneinander vorbeifahren können.“ Als zeitraubend erwies sich auch der Wechsel in ein anderes Stockwerk: „Wir mussten ja alle einzeln mit dem Aufzug hinauffahren. Da waren schnell zehn Minuten um.“

Emily (11) sah sich einem weiteren Problem gegenüber: „Eine unserer Behindertentoiletten war nur zu erreichen, wenn man einen großen Umweg rund ums Schulgebäude machte. Von drei Seiten war sie durch Treppen versperrt.“

Rollstuhlprojekt St. Ursula Gymnasium: Im Klassenraum 1Besondere Schwierigkeiten erlebten die Schüler dann bei einem „Ausflug“ in die Stadt. Das vielerorts vorhandene Katzenkopfpflaster machte den Rollstuhlfahrern erheblich zu schaffen. Zudem gewährten etliche Geschäfte der Innenstadt keinen barrierefreien Zugang. War tatsächlich einmal eine Rampe installiert, war diese häufig zu schmal, zu steil und am oberen Ende mit Warenauslagen verstellt. Einige Ladenbesitzer ließen verlauten, eigentlich seien diese Auffahrten „ja auch eher für Kinderwagen gedacht“.

Kurios war die Situation in einem Geschäft, in das die Kinder ihren Mitschüler mühsam über die Eingangstreppe hineingewuchtet hatten. Eine Verkäuferin erklärte ihnen, man verfüge durchaus über eine Rampe; die werde jedoch nur auf Anforderung aufgestellt: „Ihr hättet nur im Laden danach fragen müssen.“ Wie ein Rollstuhlfahrer, der allein unterwegs war, dies hätte bewerkstelligen sollen, sagte sie allerdings nicht.

Rollstuhlprojekt St. Ursula Gymnasium: In der StadtAber es gab auch positive Erfahrungen. Als vorbildlich erwies sich zum Beispiel das Rathaus der Stadt Attendorn. Hier war zwar der Haupteingang ebenfalls durch Treppen versperrt, doch verwies ein Schild auf einen Nebeneingang. Hatte man den erst einmal erreicht, konnte man sich im Gebäude barrierefrei bewegen.

Erfreulich waren auch die Reaktionen der meisten Mitmenschen, vor allem wenn der Rollstuhlfahrer allein, also ohne seine Begleiter unterwegs war. Sie hielten bereitwillig Türen auf oder schoben im Weg stehende Hindernisse beiseite. „Man merkte dabei, wie aufgeschmissen man ohne die anderen war“, resümierte Fabian (10). „In den Geschäften waren die oberen Regale nur für unsere Begleiter erreichbar, und auch an den schweren Eingangs- oder Brandschutztüren ging ohne fremde Unterstützung gar nichts. Ständig musste man jemanden um Hilfe bitten.“

Dennoch zogen die Fünftklässler eine insgesamt positive Bilanz. „Es war beeindruckend, einmal ausprobieren zu dürfen, wie rollstuhlgerecht unsere Umgebung ist“, so Franziska (10). „Man hat einen Blick dafür gewonnen, wo und wann Rollstuhlfahrer Hilfe brauchen können.“ Und Ann Marit (11) ergänzte: „Wir sehen jetzt vieles mit anderen Augen.“

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here