Viele von uns wissen nicht, wie es ist, in einem Kinderheim aufzuwachsen. Auch ich weiß es nicht. Aus einem wohlerzogenem Elternhaus kommend kann ich nur ansatzweise versuchen mich in die Lage der Mädels hineinzuversetzen. Zu gerne würde ich in manche Köpfe schauen, weil ich mich oft frage, wie es hinter der Fassade aussieht. Oder gibt es keine Fassade? Es sind ja nur Kinder. Sind es wirklich nur Kinder? Kinder haben auch Gefühle, Kinder müssen mit ihrer Vergangenheit, ihrer Gegenwart und ihrer Zukunft lernen umzugehen. Ja, es gibt Kinder, denen fällt das leicht; es gibt jedoch auch Kinder, denen es wesentlich schwerer fällt. Alle Kinder verarbeiten die Geschehnisse ihres Lebens irgendwie und irgendwann – oft auf sehr unterschiedliche Art und Weise. Lassen sie negative Ereignisse zu nah an sich ran, fällt ihnen das Leben im Heim oft schwerer…

Linda Wicker mit einem Kind aus dem „Angels Home“

Alle Kinder, die im Angels Home wohnen, bringen eine Vergangenheit mit und damit einen Grund, warum sie im Angels Home ein neues Zuhause bekommen. Das ist ihre Gemeinsamkeit. Die Gründe jedoch zeigen deutliche Differenzen. Auf der Homepage des Dry Lands Projects könnt ihr die individuellen Geschichten der Mädchen nachlesen: Waise, Vergewaltigung, Abschiebung aufgrund mangelnden Interesses oder finanziellem Notstand; oft kann der verlassene und somit allein stehende Erziehungsberechtigte die Lebensunterhaltungskosten weder für sich noch für seine Kinder aufbringen. Teilweise führen auch Unfälle dazu nicht mehr standesgemäß für die Kinder da zu sein. Aufgrund eines Schlangenbisses arbeitsunfähig, aufgrund eines Unfalls bei der Kokosnussernte querschnittsgelähmt oder obdachlos zu sein, weil eine Elefantenherde das Familienhaus zerstört hat,  sind traurige Schicksale, unter denen die Kinder im Angels Home leiden.

Kokosnussknacken

Was geht in dem Kopf eines Kindes vor, dem solche Dinge passiert sind? Das Angels Home bietet ein Zuhause, Liebe, Wärme, Gleichberechtigung, Zuneigung, Aufmerksamkeit… Schon die letzten drei positiven Eigenschaften des Kinderheims zeigen zugleich die negativen Seiten, wie es ist mit 49 weiteren Kindern in einem Heim zu leben, die alle gleichberechtigt behandelt werden sowie Zuneigung und Aufmerksamkeit möglichst oft und intensiv für sich in Anspruch nehmen wollen. Auf indirekter Weise besteht das Leben im Kinderheim aus einem Konkurrenzkampf – ein Kampf ums Überleben? Jein. Wie ich in meinen bisherigen Wochen im Angels Home beobachten konnte, gibt es Kinder, die das Leben bestimmt als Kampf ansehen, jedoch gibt es auch Kinder, die für sich schon längst gewonnen haben und eingesehen haben, dass es sich nicht lohnt für etwas zu kämpfen, das man doch niemals erreichen wird. Und es gibt, meiner Meinung nach, sehr verschlossene Kinder, denen zurzeit Kraft und Hoffnung fehlen für irgendetwas in ihrem Leben zu kämpfen. Alle drei unterschiedlichen Charaktere müssen auf individuelle Weise berücksichtigt und gefördert werden. Neu im Heim aufgenommene Kinder benötigen besonders am Anfang viel Zeit für sich. Sie sind sehr zurück haltend und nehmen wenig an gemeinschaftlichen Aktivitäten teil. Ein Ziel des Dry Lands Projects ist es diesen Kindern Hoffnung, Kraft und Zuversicht zu geben, damit auch ihr Kinderherz irgendwann wieder lachen kann und sie ein Chance auf eine bessere Zukunft haben.

Kinder beim Waschen

Das Leben im Angels Home ist hart, aber fair. Trotz nach deutscher Sichtweise niedrigen Lebensunterhaltungskosten in Sri Lanka, versuchen wir im Angels Home sparsam, rücksichtsvoll und vor allem nachhaltig mit materiellen Dingen und der Umwelt umzugehen. Dazu gehört ein hohes Maß an Strenge, Disziplin und Autorität von Seiten des Personals um 50 Kinder in gewisser Weise zu erziehen. Ich habe großen Respekt davor mit welcher Genauigkeit und Nachdrücklichkeit, aber Geduld und Leidenschaft sie für die Kinder aufbringen. Sie haben es oft nicht leicht. Zwei der Kindermädchen leben 24h mit den Kindern im Heim. Ich erzähle ihnen immer wieder meine Hochachtung vor ihrer Arbeit. Obwohl sie so oft Ermahnungen und Zurechtweisungen aufbringen müssen und, meiner Meinung nach, die negativen Momente den Positiven quantitativ oft überlegen sind, erfüllen die Lächeln der Kinder, die Freude einer Umarmung sowie die Dankbarkeit für Hilfe und Unterstützung trotzdem auch die Herzen der beiden Kindermädchen. Tag für Tag fragen sie sich wahrscheinlich, was mache ich hier eigentlich, aber Tag für Tag wissen sie auch, für was sie es machen.

Auf der einen Seite steht das Alleinsein, auf der anderen Seite die Gemeinschaft. Die gegenseitige Unterstützung, das Helfen zwischen jungen und älteren Mädchen ist zwar von der Heimleitung bestimmt, aber dass das besonders für die älteren Mädchen selbstverständlich und ehrlich ist, sieht man sofort.

Heute ist Besuchstag im Angels Home. Das heißt einmal im Monat haben die Eltern, Geschwister oder andere Verwandte die Möglichkeit die Mädchen zu besuchen. Dieses Angebot wird ungefähr von der Hälfte regelmäßig und intensiv genutzt. Trotz jeglicher Erlebnisse in der Vergangenheit freuen sich so gut wie alle Kinder auf diesen Tag. Am Abend sieht man leider oft enttäuschte Gesichter, weil sie versetzt wurden oder der Aufenthalt der Familie nicht so verlaufen ist wie sie sich ihn vorgestellt haben. Neben enttäuschten Gesichtern erkennt man auch traurige Gesichter aufgrund des immer irgendwann einkehrenden Abschieds.

Ob das Leben im Angels Home besser ist als das Leben bei ihren Verwandten, ist schwer zu sagen. Die meisten Kinder erkennen leider noch nicht den Unterschied, den eigentlich nur sie selbst richtig beurteilen könnten. Aber ich bin mir sicher, dass sie irgendwann sehr dankbar dafür sind. Dankbar für die Möglichkeit die Schule zu besuchen und eine Ausbildung zu bekommen, dankbar für einen geregelten kindgemäßen Tagesablauf und dankbar für die Wertschätzung ihrer eigene Persönlichkeit.


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