Äußerlich war fast alles so wie in den Vorjahren: Sanft wog der Wind die beiden Kirchenfahnen am Turm der Erlöserkirche, ein Vorzeichen für das Reformationsfest am nächsten Tag. Doch an diesem Abend strahlte die Kirche auch von innen heraus: Die evangelische Kirchengemeinde hatte zum ersten Mal den Versuch unternommen, für den Vorabend des Festes zu einem Reformationsempfang nicht nur die Gemeindeglieder sondern auch die Honoratioren der Hansestadt einzuladen.

Reformationsempfang 2010 Attendorn
Festredner Superintendent Pfarrer Klaus Majoress

Dabei war es ihr gelungen, als Festredner den Superintendenten des Kirchenkreise Lüdenscheid-Plettenberg, Pfarrer Klaus Majoress, zu gewinnen, der sich zum Thema: „Kirche mit Zukunft“ Gedanken machte. Dabei wies er zu Beginn darauf hin, dass es nicht heiße „Kirche mit Zukunft?“, so als ob infrage stünde, dass die Kirche eine Zukunft habe, allerdings auch nicht „Kirche mit Zukunft!“, so als wäre alles selbstverständlich, sondern einfach die Aussage: Die Kirche Jesu Christi hat Zukunft und ist gleichzeitig die Kirche der Reformation des 21. Jahrhunderts, eine Kirche auf Veränderung angelegt. Das sei eine der Grundaussagen der reformatorischen Kirche und man müsse sich der Frage stellen, was die Herausforderungen unserer Zeit seien.

Majoress, der seine Gedanken zum Thema in Anlehnung an die Reformüberlegungen der Evangelischen Kirche von Westfalen und der Evangelischen Kirche von Deutschland ausgesucht hatte, führte weiter aus, dass seit gut 10 Jahren in den Köpfen der Gemeindeglieder ein Begriff herumschwirre, der ein neues Nachdenken über die Kirche, ihren Auftrag und ihr Leben mit sich gebracht habe: Perspektivwechsel, also ein Wechsel der Blickrichtung. Beide großen Kirchen kämen aus einer Tradition, in der die Kirche von so etwas wie einer Selbstverständlichkeit gelebt habe. Selbstverständlich war die Kirche ein Faktor in allen gesellschaftlichen Bezügen, selbstverständlich war ihre Existenzberechtigung und selbstverständlich gehörte man einer der beiden Kirchen an. Der Kirchenaustritt war ein Tabuthema, der Pfarrer von Amts wegen eine angesehene Person. Diakonische und caritative Tätigkeiten lagen weitgehend in den Händen der Kirchen und seien so weitgehend zum Wegbereiter des sozialen Netzes in unserem Land geworden, das bis heute den Sozialstaat präge.

Die Selbstverständlichkeit, aus dem die Kirchen im Aufschwung nach dem 2. Weltkrieg lebten und mit der die Arbeit finanziert werden konnte, sei eindeutig vorbei, so der Superintendent. Beide Kirchen müssten sich neuen Herausforderungen stellen; denn die Gesellschaft befinde sich im Wandel und in diesen seien die Kirchen verwoben.

Die wohl größte Herausforderung sei der inzwischen wohl allseits bekannte demographische Wandel der Gesellschaft. So sei die Zahl der Kirchenmitglieder im Kirchenkreis Lüdenscheid-Plettenberg von 1975 bis 2000 um mehr als 10.000 Menschen gesunken; und diese Zahl lasse sich weiter hochrechnen. Gleichzeitig sei auch das Kirchensteueraufkommen entsprechend gesunken.

Positiv sei jedoch zu vermerken, so der Festredner, dass sich in Europa so etwas wie eine neue Religiosität breitmache. Religiöse Themen zögen die Menschen wieder an. Die in den zurückliegenden Jahrzehnten verbreitete Gleichgültigkeit gegenüber dem christlichen Glauben weiche einem neuen Interesse für ein tragfähige Grundeinstellung und verlässliche Orientierung.

Da stelle sich die Frage: „Wie sollen die Kirchen auf diese Spannung der demographischen Entwicklung und der sich gleichzeitig positiv darstellenden Einstellungen reagieren?“ Als Wichtigstes führte Majoress hierzu aus und zitierte dabei aus einem Papier der Evangelischen Kirche von Deutschland, dass eine klare geistliche Profilierung notwendig sei. Der ehemalige Ratspräsident der EkvD, Bischof Huber habe es einmal so ausgedrückt: „Wo evangelisch drauf steht, muss auch Evangelium erfahrbar sein!“; das gleiche gelte auch für die katholischer Kirche.

Auch der Zwang der finanziellen Ressourcen werde dazu führen, dass das kirchliche Wirken nicht mehr überall mit einem vollen Programm vorhanden sein könne. Hier müsse es zu Schwerpunkten in der kirchlichen Arbeit kommen, was besonders in der Diaspora große Anstrengungen bedürfe. Dabei werde es auch um Formen der Zusammenarbeit der Gemeinden gehen müssen, bis hin zu Veränderungen der Strukturen und Grenzen. Als Kirche der Reformation sei es an den Gemeinden, immer wieder weiter zu denken und zu gehen.

Bei einem anschließenden kleinen Imbiss konnten Festredner und Zuhörer bei zum Teil intensiven Gesprächen das Thema des Abends vertiefen. Als musikalische Umrahmung brachten Pfarrer Andreas Schliebener (Klavier) und die Brüder Dingerkus (Saxophon und Gitarre) eine neuzeitliche Fassung des Reformationsliedes „Ein feste Burg ist unser Gott“ zu Gehör.

Reformationsempfang 2010 Attendorn
Nach seinem Festvortrag diskutierte Klaus Majoress mit seinen Zuhörern

Foto: Karl-Hermann Ernst

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